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Wenn der Hundebuggy unangenehm wird: Vorurteile unter Hundehalter

„Ja, der sieht ganz gut aus.“ „Ich hab ihn auch immer gut gepflegt. Da ist wirklich gar nichts dran.“ Langsam gehe ich um den Wagen. Prüfend schaue ich auf die Reifen. Meine Hand fährt über das Gestell. Qualität ist schließlich wichtig – der Buggy muss ja auch etwas aushalten können. Vor wenigen Jahren noch hätte ich nicht gedacht, dass ich das mal tun würde – zumindest nicht für einen Hund.

Es ist schon eine ganze Zeit lang her, als ich die ersten Hundebuggys auf einer großen Ausstellung sah. Eine adrett frisierte Frau lief in Kostümchen und einen Hundebuggy vor sich herschiebend durch die Gänge. Drin saßen zwei Kleinhunde, die neugierig nach draußen sahen. „Jetzt dürfen die armen Viecher nicht mal mehr alleine laufen“, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Die Besitzerin hatte ich direkt eingeordnet: Typisches Kleinhundefrauchen, die ihre Hunde gerne in Kostüme steckt, Zungenküsse von ihnen entgegen nimmt („Gib der Mama ein Küsschen“) und ihnen am liebsten das ganze Hundeleben ersparen möchte – inklusive der Benutzung der vier kleinen Beinchen. Hundebuggys fand ich furchtbar.

Ein Hundebuggy wird gekauft

Plötzlich ist alles anders. Nun stand ich selber vor einem Hundebuggy, den ich kaufen wollte. Wie das Leben so spielt, kommt man manchmal plötzlich an einen Punkt, an dem man eigene Überzeugungen über Bord werfen muss, weil sie sich als falsch erwiesen haben. In das Leben unserer Familie hat sich ein kleiner Terriermix geschmuggelt. Ein tolles, kleines, junges Kerlchen, welcher aus furchtbaren Verhältnissen gerettet wurde. Aus seiner Vergangenheit bringt er nicht nur fehlende und sicher auch schlimme Erfahrungen mit – er hat auch zwei verkrüppelte Vorderbeine. Wir wissen nicht, wie es passiert ist. Fakt ist, dass der Hund trotz seiner Behinderung fröhlich ist und er sehr gut damit umgehen kann.

Er rennt, spielt, jagt – er macht alles was kleine Terrier gerne machen. Jedoch kann er nicht so lange laufen wie ein gesunder Hund. Eine Stunde am Stück ist das absolute Maximum, was schlicht und ergreifend die möglichen Gassirunden einschränkt. Mal über den üblichen Gassi-Radius hinausgehen, neue Wege ausprobieren, Wanderwege entlang laufen – all dies ist nicht möglich. Er hasst es abgrundtief getragen zu werden und dafür ist er streng genommen dann auch doch etwas zu groß und zu schwer. Ein Hundebuggy könnte ihm das ersparen. Er kann, wenn er müde wird, da rein kommen und geschoben werden. Er muss mir und meinen beiden Hunden nicht mehr sehnsüchtig hinterher schauen, wenn wir für eine große Runde das Haus verlassen – er kann mitkommen.

Hundebuggy und Hunde

Franky ist dabei – dank Hundebuggy.

Als ich ihn das erste Mal im Hundebuggy durch die kleine Siedlung schob, war mir sehr unwohl. Mir ist völlig klar, wie das auf andere Menschen wirkt. „Der arme kleine Hund – darf nicht mal selber laufen“. „Sowas Verrücktes – jetzt stecken sie Hunde schon in Kinderwagen. Das sind Hunde und keine Babys!“ Ich kann nicht jedem der mir entgegen kommt und uns entgeistert ansieht, die gesamte Lebens- und Leidensgeschichte erzählen und ausführlich begründen, warum der Hund nun in einem Hundebuggy sitzt. Und ehrlich gesagt: Ich möchte es auch nicht. Es geht fremde Leute gar nichts an, warum ich nun entschieden habe, dass dieser Hund in einem Buggy sitzt. Es ist halt so-ich habe dafür meine Gründe. Man muss die Gründe nicht wissen, um das Resultat zu akzeptieren und zu tolerieren.

Warum wir Vorurteile haben

Wir Menschen sind sehr schnell in unseren Vorurteilen. Es ist eine Folge der „Schemata“ die wir benutzen, um unsere Umwelt zu strukturieren. „Schemata“ helfen uns dabei unsere Welt schnell einzuordnen und dementsprechend darauf zu reagieren. Wenn wir in einem Restaurant sitzen und jemand kommt mit einem Block auf uns zu und fragt uns nach der Bestellung, ist es nicht sinnvoll erst darüber nachzudenken, was dieser Mensch wohl meinen könnte und was er nun von uns will. Wir wissen, dass es sich um einen Kellner handelt, dem wir unsere Essenswünsche sagen.

Diese Schemata helfen uns aber nicht nur unser Verhalten schnell anzupassen – sie schützen uns auch vor Gefahren und unangenehmen Erfahrungen. Wir sind darauf angewiesen unser Verhalten schnell und mühelos der Umwelt anzupassen. Unglücklicherweise laufen solche mentalen Prozesse nicht nur dann, wenn sie nützlich für uns sind – sie laufen permanent. Hinzu kommt, dass Menschen Alltagsforscher sind. Wir möchten unsere Umwelt verstehen. Wir möchten auch andere Menschen verstehen, warum sie so handeln, wie sie es tun – und das auch, wenn wir relativ wenig Informationen über sie haben. Auch das hilft uns, unser Verhalten dem Gegenüber anzupassen – und das ohne seine gesamte Kindheitsgeschichte zu erfahren. Schnelle Urteile können helfen – sie können aber auch negative Effekte haben. Und zwar dann, wenn wir Vorurteile fällen, die dem Gegenüber nicht gerecht werden und ihm deswegen Unrecht tun.

Es ist sinnvoll, sich immer wieder dieser Vorurteile bewusst zu werden und uns klar zu machen, dass diese nicht stimmen müssen. Wir Hundehalter sind sehr schnell darin, andere Hundehalter zu verurteilen. Ob es der Hund mit Mantel ist, der Hund an der Flexi oder auch der Kleinhund, der bei Begegnungen mit anderen Hunden hoch genommen wird – schnell glauben wir zu wissen, warum der andere Hundehalter so handelt, wie er handelt. Je nachdem wie positiv wir dem anderen Menschen gestimmt sind und welche Erfahrungen wir damit bisher gemacht haben, kommen wir schnell zu einem vernichtenden Urteil. Dabei kann aber genau dies falsch sein.

Perspektivenwechsel

Auch ein großer Hund kann einen Mantel benötigen. Es gibt große Hunde ohne Unterwolle, die schlicht und ergreifend schnell frieren. Sollen diese Hundehalter ihre Hunde frieren und krank werden lassen, nur weil sie auf einen Mantel verzichten möchten? Und auch Hunde mit Unterwolle können krank sein und einen Mantel zum Schutz vor Kälte und Nässe brauchen. Nicht jeder der seinem Hund einen Mantel anzieht, tut dies, weil er seinen Hund gerne wie eine Puppe behandelt.

Natürlich kennt jeder diese Hundehalter, die ihren Hund an der Flexi führen, sie als Erziehungsersatz nutzen und dabei auch noch ihre Umwelt in Gefahr bringen. Aber eine Flexi kann auch absolut praktisch sein. Hunde die nicht oder nur eingeschränkt ableinbar sind (zum Beispiel weil sie taub oder erblindet sind) können an einer Flexi einen recht großen Radius nutzen, ohne dass sie sich in einer langen Schleppleine verheddern und man selber eingesaute Finger bekommt. In manchen Bundesländern herrschen zu gewissen Zeiten Leinenzwang. Wenn man seinen Hund zum Schutze der Wildtiere an einer Flexi führt und nicht an einer Schleppleine (deren Handling auch nicht jedem liegt), ist dagegen gar nichts einzuwenden.

Und selbst der Hundehalter der seinen Kleinhund auf den Arm nimmt bei Hundebegegnungen, wird seine Gründe haben. Eventuell wurde der Kleinhund von diversen großen Tut-Nixen schon öfter schmerzhaft überrollt, was der Besitzer einfach verhindern möchte. Womöglich hat er schon die furchtbare Erfahrung gemacht, dass sein Hund schwer verletzt oder gar getötet wurde (die Gefahr ist bei Kleinhunden einfach viel größer als bei einem größeren Hund). Wenn er seinen Hund lieber hoch nimmt, als ihn auf dem Boden zu lassen, wird er dafür seine Gründe haben.

Toleranz und Akzeptanz

Terriermix auf Wanderung

Franky das erste mal auf großer Tour.

Wir müssen nicht über jeden Hund Bescheid wissen. Es ist nicht nötig jede Lebens- und Leidensgeschichte zu erfahren. Niemand muss sich rechtfertigen für Handlungen, die keinem schaden. Weder ein Mantel, eine Flexi noch ein Hundebuggy sind schädlich aufgrund ihres bloßen Daseins. Erst eine falsche Nutzung dieser Dinge kann schädlich sein. Aber nicht jeder, der diese Dinge nutzt, tut dies derart.

Der kleine Terriermix der Familie hat seinen ersten Wanderausflug übrigens sehr genossen. Er rannte völlig gelöst und fröhlich vor, genoss die fremden Gerüche und lachte von einem Ohr zum anderen. Nach seiner schlimmen Vergangenheit hat er sich sein fröhliches Gemüt bewahrt und verdammt, er hat genauso das Recht darauf neue Umgebungen zu erkunden, wie meine Hunde auch. Der Hundebuggy ermöglicht es ihm und kann ihm noch ein möglichst langes, schmerzfreies Leben bescheren. Ein Verzicht auf einen Buggy nur weil dieser nicht in das eigene Weltbild passt, wäre das wahre Verbrechen an diesem Hund gewesen.

Es stünde uns Hundehaltern gut, wenn wir die Toleranz und das Verständnis, das wir den Hunden entgegen bringen, auch den Hundehaltern entgegenbringen würden. Man muss nicht alles am eigenen Leib erfahren, um Toleranz zu üben. Es ist auch nicht nötig, viel Kraft dafür zu verschwenden, sich aufzuregen, wenn wir den anderen Menschen gar nicht kennen und er uns auch gar nichts getan hat. Es ist höchst unfair anderen Menschen gegenüber, sie direkt zu verurteilen, nur weil wir in unserem Erfahrungshorizont beschränkt sind.

Das heißt nicht, dass wir bestimmte Handlungsweisen und Hilfsmittel nicht auch kritisch sehen können. Wir müssen aber bei all unserer Kritik, bei unseren Urteilen vorsichtig sein. Unsere Urteile stimmen nicht immer. Bevor wir einem Menschen abschätzig gegenüber treten, sollten wir uns erstmal fragen, ob dies überhaupt gerechtfertigt ist. Lasst uns mit offenem Herzen und offenen Augen anderen Menschen begegnen. Kritik gegenüber anderen entbindet uns nicht davon, auch uns selbst gegenüber kritisch zu sein. Dies hält unseren Blick offen für Neues und macht – ganz nebenbei – die Welt auch für andere Menschen lebenswerter. Eine schöne Sache, oder? Packen wir es an.

Autorin: Nina Dany

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