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Erziehung von Hunden: Die Frage nach dem was statt dem wie

Was heißt eigentlich Erziehung? Zwar erzieht jeder seinen Hund, aber die wenigsten können die Frage eindeutig beantworten, was sie da tun. Die Fähigkeit zur Erziehung ist etwas, was den Menschen angeboren ist. Kinder wurden schon immer erzogen und das sogar ohne Erziehungsbücher und Ratschlägen von Fachleuten. Erziehung „kann“ jeder psychisch gesunde Mensch leisten. Warum sollte man also etwas definieren, wenn man doch eh weiß wie es geht?

Es ist schon erstaunlich, dass mittlerweile auf die sauberen und korrekten Begriffsbezeichnungen so gepocht wird, aber Erziehung dabei außen vor gelassen wird. Wehe jemand schreibt von „Trieben“ oder sagt, sein Hund würde in einem „Rudel“ leben. Aber „Erziehung“ wird als Begriff überall verwendet, ohne sich dessen bewusst zu sein, was es bedeutet.

Erziehung – Was ist das?

Was ist Erziehung - Barney und Schnuppe

Erziehungsfragen werden häufig mit methodischem Vorgehen beantwortet, das sich rein auf die Konditionierung beschränkt. Dabei bedeutet Erziehung nicht, im richtigen Moment einen Clicker zu betätigen oder einen Leinenruck zu geben. Es scheint die einstimmige Meinung vorzuherrschen, dass alles was man tut um Verhalten zu ändern, sich innerhalb einer nackten, behavioristischen Lerntheorie abspiele. Die Zeit ist gekommen, dass wir anfangen darüber zu reden, was Erziehung ist und was sie nicht ist. Um aber über einen Begriff diskutieren zu können, muss man sich auf eine gemeinsame Definition einigen. Hier kommt die Wissenschaft ins Spiel, die bereits Definitionen bietet.

Wer sich jedoch mit der Erziehungswissenschaft auseinandersetzt, merkt schnell, dass ausgerechnet diese keine einfachen Definitionen bietet. Zu einem Begriff gibt es meist viele verschiedene Definitionen, die je nach Theorie, Blickwinkel und geschichtlichem Hintergrund eingeordnet werden müssen. An dieser Stelle erspare ich den Lesern eine ausführliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Begriffsbestimmungen und deren theoretischen Kontext. Vergleicht man die verschiedenen Definitionen von Erziehung, stellt man allerdings Gemeinsamkeiten fest. So gehen die meisten Definitionen davon aus, dass Erziehung eine soziale Interaktion ist. Diese Interaktion geschieht unter der Berücksichtigung der Bedürfnisse und der Persönlichkeit des zu Erziehenden. Ziel davon ist, diesen in eine bestehende Gesellschaft zu integrieren (beispielhaft: Hurrelmann, Klaus (1994): Mut zur demokratischen Erziehung! In: Pädagogik (49), 7-8, S.13).

Die Eingliederung in die Gesellschaft geschieht somit nicht „zu jedem Preis“, sondern in einer Art und Weise, die sowohl Bedürfnisse als auch die individuelle Persönlichkeit berücksichtigt. Erziehung ist dementsprechend im hohen Maße sozial und individuell.

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob diese auf Menschen gemünzte Definition sich auch auf das Zusammenleben mit unseren Vierbeinern übertragen lässt. Meiner Meinung nach ist dies hervorragend möglich, wenn man den Aspekt der Gesellschaft anders betrachtet.

Zwar müssen Hunde nicht später selbstständig in der Gesellschaft zurechtkommen, aber auch sie müssen sich in unsere Gesellschaft einfügen. Sie dürfen nicht wildern gehen, sie dürfen niemanden belästigen und schon gar nicht zur Gefahr für ihre Umwelt werden. „Ganz nebenbei“ sollen sie auch unseren Alltag bereichern. Sie sollen nicht über Tische und Bänke gehen, uns beim Spaziergang nicht den Arm ausreißen oder uns beißen, wenn wir ihnen etwas wegnehmen wollen. Dass die Erziehung nur unter Berücksichtigung ihrer Persönlichkeit und Bedürfnisse geschehen muss, sollte ebenfalls eine Selbstverständlichkeit sein. Und auch wenn unsere Hunde sich nicht alleine in der Gesellschaft bewegen, sollen sie trotzdem in vielen Situationen selbstständig die von uns gewünschten Verhaltensweisen zeigen.

Erziehung ist also ein sozialer Akt, der es dem Hund ermöglichen soll, sich in die Gesellschaft einzugliedern und dies im besten Falle unter der Berücksichtigung dessen, was der Hund an Individualität mitbringt.

Was ist Erziehung nicht?

Hund bei FußKonditionierung ist keine Erziehung. Konditionierung ist eine Lerntheorie, die besagt, dass man Verhalten durch Verknüpfung zweier Reize, bzw. durch das Bestätigen und Bestrafen gewisser Verhaltensweisen, Verhalten verändern kann. Konditionierung muss nicht in einem sozialen Kontext geschehen, die Beziehung des Erziehers zum Hund ist dabei nebensächlich, auf die Persönlichkeit wird nicht eingegangen und auch die gesellschaftliche Eingliederung wird nicht betrachtet. Sicherlich kommt Konditionierung im Erziehungsprozess auch zum Tragen, es lässt sich aber absolut nicht damit gleichsetzen.

Leider geschieht genau dies immer wieder. Erziehungsfragen werden oft damit beantwortet, dass man im richtigen Moment nur richtig verstärken oder im Gegensatz nur im richtigen Moment angemessen bestrafen müsste. Sicherlich sind dies Dinge über die man sich Gedanken machen sollte, aber sie alleine machen keine Erziehung aus.

Auch ein Hund, der perfekt zig Kommandos ausführen kann, ist nicht automatisch gut erzogen. Kommandos werden klassischerweise über Konditionierung eingeübt und unter Ablenkung weiter trainiert. Sie sind somit letzten Endes Tricks. Auch Tricks können den Alltag erleichtern, aber sie sind keine Erziehung. Und somit entlockt es mir allenfalls ein müdes Lächeln, wenn immer wieder propagiert wird, dass Wildtiere im Zoo ja auch geklickert würden um sie händelbarer zu machen und man es deswegen auch so mit Hunden machen müsste. Ganz nach dem Motto: Wenn die das so können, sollten wir das auch so machen. Nun liegen die Wildtiere doch eher in den seltensten Fällen mit ihren Pflegern auf der heimischen Couch. Wer als Erziehungsziel ein dressiertes Äffchen vor Augen hat, hat nicht verstanden, was Erziehung eigentlich ausmacht. Einkonditionierte Kommandos sind lediglich Dressur.

Im Alltag mit unseren Vierbeinern sind diese sicherlich unabdingbar, wie zum Beispiel beim Rückruf, aber dem artgenossenaggressiven Hund einfach einen Handtouch bei Hundesichtung beizubringen, ist weder Erziehung, noch löst es das Problem. Dem Hund wurde einfach ein netter Trick beigebracht, der im besten Fall den Hund so weit ablenkt, dass er seine Aggressionen in dem Moment „vergisst“. Sozialer ist der Hund dadurch jedoch nicht geworden. Es wurde weder ein Beitrag dazu geleistet, dass er sich in hündischer Gesellschaft besser verhält, noch wurde ihm deutlich gemacht, was eigentlich von ihm erwartet wird. Es hat allenfalls eine Wirkung auf das Verhalten aufgrund eines gegebenen stimmlichen Kommandos. Ob er sich ohne das Zureden des Menschen neutral verhält, ist sicherlich fraglich. Ob er in einer späteren Situation eher den Weg der Deeskalation, statt der Eskalation geht, muss ebenfalls bezweifelt werden.

Die Rolle der Beziehung und der inneren Haltung

Rolle der Erziehung

Wird sich auf rein technische Abläufe konzentriert, so wird das Wesentliche zwischen Mensch und Hund ausgeklammert: die Beziehung. Auch wenn sicherlich nicht jedes Erziehungsproblem ein Beziehungsproblem ist, so sollten wir diese bei Problemen nicht außer Acht lassen. Mittlerweile dürften die Fälle der Überbehütung, verbunden mit einer Ratlosigkeit, aufgrund zig unterschiedlicher Meinungen und Ansichten verbreiteter sein, als die Vernachlässigung des Hundes.

Bei all den Meinungen, Methoden, widersprüchlichen Expertenaussagen und der Liebe zum eigenen Tier vergessen viele Menschen schlicht und ergreifend ihre Haltung gegenüber ihrem Hund. In der sozialen Interaktion ist diese allerdings elementar.

Nur wer seine Haltung bewahrt und sich eindeutig positioniert, kann seine Forderungen seinem Gegenüber derart klar machen, dass sie akzeptiert werden. Dies lässt sich an einem menschlichen Beispiel gut veranschaulichen. Wenn der kleine Kevin alles bekommt, was er haben möchte, weil die Eltern von ihm weiterhin geliebt werden möchten und sich nicht trauen, sich durchzusetzen, wird die Integration in die Gesellschaft misslingen. Spätestens dann, wenn es nicht möglich ist, dass Kevin das bekommen kann, was er gerne haben möchte, wird er Probleme haben. Probleme die vor allem er selbst und nicht die Eltern ausbaden müssen. Dasselbe gilt auch für unsere Hunde.

Wer sich nicht traut, gegenüber seinem Hund Stellung zu beziehen und auch situativ zu sagen „das was du da grade tust, wünsche ich nicht“, kann sich sozial gar nicht positionieren um entsprechend zu erziehen. Derjenige wird bei Verhaltensproblemen Konflikte eher vermeiden, als sie auszutragen. Derjenige wird aber auch für den Hund in anderen Situationen nicht die Orientierung bieten, die dieser eigentlich benötigt. Wozu sollte der Hund sich an jemanden wenden, der überfordert wirkt?

Manchmal knallt es doch: Konflikte und Grenzen

Hund Schnuppe belltDas Ertragen und Aushalten von Konflikten gehört zur Erziehung dazu. Dies kann durchaus anstrengend sein. Ein Kevin der sich schreiend an der Supermarktkasse auf den Boden wirft, ist sicher ähnlich peinlich, wie ein Hund, der bei Hundesichtung schreiend in der Leine hängt.

Erziehung verläuft aber schlicht und ergreifend nicht immer harmonisch. Hunde bringen ihre eigenen Vorstellungen mit in den Alltag. Ein Herdenschutzhund hat andere Vorstellungen als wir, was Besuch betrifft. Und die Meerschweinchen die wir niedlich finden, findet der deutsche Jagdterrier an unserer Seite vermutlich sehr lecker. Hier den passenden Weg zu finden, ist nicht immer leicht. Ein Hund kann so manch Erziehungsmaßnahme ablehnen und dies deutlich zum Ausdruck bringen. Auch die Kommunikation verläuft nicht immer perfekt. Jeder hat schon mal die Erfahrung gemacht in einer Diskussion am menschlichen Diskussionspartner vorbeigeredet zu haben. Diese Missverständnisse gehören zur Kommunikation dazu und sind kein Beinbruch.

Als kleine perfekte Beobachter, die in der Regel auch noch arbeitslos auf dem heimischen Sofa rumlümmeln, haben Hunde zudem die Möglichkeit uns nahezu 24 Stunden am Tag zu studieren. Sie kennen uns, wissen wann wir schlecht drauf sind und bemerken natürlich auch unsere Fehler. Es ist nicht so, dass sie unsere Fehler suchen um sie auszunutzen – man sollte sich aber dessen bewusst sein, dass unser Hund sein Verhalten immer auch an uns ausrichtet. Und hierfür nutzt er nicht nur unser situatives Verhalten, sondern das Verhalten was wir im gesamten Alltag zeigen.

Nur wenn wir akzeptieren, dass es innerhalb der Erziehung zu Konflikten kommen kann, können wir angemessen reagieren. Eine Konstante ist auch hier wieder die Beziehung zu unserem Hund. Es ist wichtig unsere Position dem Hund auch deutlich zu machen – es gibt Grenzen an die der Hund sich halten muss. Dies belastet nicht die Beziehung zum Hund – es bereichert sie. Der Hund weiß so sehr genau, woran er ist und kann sich völlig frei innerhalb der Grenzen bewegen, die wir ihm abstecken. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass wir konfliktfähig sind.

Ethische Fragen bei der Erziehung

Wir haben uns unsere Hunde ausgesucht und nicht anders herum. Hunde haben ein Recht auf Erziehung und ich möchte an dieser Stelle sogar noch weiter gehen: Sie haben ein Recht auf die Entfaltung ihrer Persönlichkeit.

Natürlich muss man hier lenkend eingreifen und den Hund im besten Falle dabei unterstützen, ein sicherer Vierbeiner zu werden, der die Welt seinen Interessen entsprechend entdecken kann, ohne zur Gefahr seiner Umwelt zu werden oder unangenehm aufzufallen. An dieser Stelle muss aber auch mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, dass ein permanentes Konditionieren und die Reduktion des Hundes auf eine Reiz-Reaktions-Maschine ethisch bedenklich ist. Hunde leben mit uns in einem sozialen Verband. Sie auf dressierte Äffchen zu reduzieren, wird ihnen nicht gerecht. Sie nie ihre Umwelt selbst erkunden zu lassen, weil jegliches Verhalten kommentiert, konditioniert und gesteuert wird, führt nicht zu Hunden, die selbstbewusst und frei ihre Umwelt erkunden können. Genauso ethisch diskussionswürdig ist es, sie in eine starre „Rudelordnung“ einzunorden. Wenn der Hund sich nicht mehr frei bewegen darf, aufgrund von überholten „Erziehungskonzepten“ oder er gar aufgrund von brutalem „Training“ Angst haben muss, kann er sich nicht frei entwickeln. Beides ist keine Erziehung.

Fazit: Erziehung ist mehr als Konditionierung & Beziehung

Barney Sonnenuntergang

Wie so oft, ist die Frage nach der richtigen Erziehung nicht eindeutig zu beantworten. Und dies nicht nur, weil jeder Hund anders ist – auch weil jeder Mensch und das Zusammenspiel der beiden Parteien einzigartig ist. Authentisch zu bleiben ist wichtig, um dem Hund zu zeigen, wer wir sind und was wir möchten. Spielereien durchblicken unsere Vierbeiner und verunsichern sie höchstens, weil das Bild, was wir ihnen präsentieren nicht mit dem übereinstimmt, wie wir uns normalerweise verhalten.

Erziehung ist viel mehr als nur Konditionierung. Erziehung ist auch mehr als Beziehung. Sie beinhaltet auch die innere Einstellung zum Hund und vollzieht sich in der sozialen Interaktion mit dem Hund. Das verläuft nicht immer gradlinig und so, wie wir uns das vorstellen. Bei Erziehungsproblemen kann es auch hilfreich sein, einfach mal Abstand von all den Erziehungsratgebern und Tipp-Gebern zu nehmen und auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Eines dürfen wir nicht vergessen: Uns allen wurde die Fähigkeit zur Erziehung in die Wiege gelegt. Bei Problemen sollten wir uns nicht zu schade sein uns auch kritisch zu reflektieren. Was wollen wir wirklich von unserem Hund? Wo stehen wir vielleicht nicht wirklich hinter dem, was wir sagen und warum ist dies so? Gar nicht selten wird der Hund unterbewusst zu etwas gemacht, was er nicht ist. Er kann weder Freund noch Kind ersetzen. Er ist auch weder das immer nach Dominanz strebende Wesen, noch das harmoniesüchtige Tierchen, das aggressions- und konfliktfrei in den Tag leben möchte. Im Interesse des Hundes sollten wir uns auch fragen, wie viele Freiheiten wir ihm zugestehen können und an welchem Punkt diese Freiheit endet.

All diese Fragen sind spannend – und ihre Antworten sind oft sogar spannender und lehrreicher, als jegliche Trainingstechniken oder das krankhafte Festhalten an „0-8-15-so muss jeder Hund sein“-Erziehungskonzepten.

Autorin: Nina Dany

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