Letzter Tag vor Weihnachten – Aus den Aufzeichnungen des Prager Rattlers Dodo

Dodo, Bild: Zorah Kuchling

Letzter Tag vor Weihnachten

 

Nun steht er da, der Weihnachtsbaum. Als mein Herrchen gestern mit diesem Prachtstück zur Tür hereinkam, begrüßte ich ihn so überschwänglich wie es sich gehört und bekam tatsächlich nicht nur zusätzliche Streicheleinheiten, sondern auch einen kleinen Leckerbissen ab. Trotzdem – er war zu kurz weggeblieben, ich war ja gerade im schönsten Schreiben! Heute hat er den Baum geschmückt und die Nachbarin war auch wieder da. Mit der nächsten Ration Kekse und wenn sie am 25. weggefuttert sind, möchte sie noch welche vorbeibringen, hat sie gesagt.

Wenn mein Herrchen platzt, hat sie auch nichts mehr von ihm, aber so weit denken die Menschenfrauen nicht. Zuerst will sie ihn mal schnappen und das geht wohl am besten, wenn er nicht mehr aus dem Stuhl hochkommt, weil er feststeckt. Aber mir kann es ja egal sein, im Notfall öffne ich meine Futterdosen selbst. Jetzt ist das Herrchen übrigens gerade wieder weg, liebes Tagebuch, und ich hoffe ein bisschen länger als gestern, denn er will ein Geschenk für seine Mutter kaufen. Die rückt uns morgen nämlich auch noch auf die Pelle, beleidigt mit ihrem widerlichen Parfum meine adelige Nase und redet in einem fort. Sonst ist sie ja ganz nett. Hoffentlich schenkt er ihr heuer ein gutes Parfum! Aber über ihr 4711 lässt sie ohnehin nichts kommen, damit hat sich schon ihre Großmutter beduftet und die hatte Verehrer – du meine Güte! Heuer hat sich mein Herrchen übrigens eine ganz besondere Weihnachtsdekoration einfallen lassen: bunte Kugeln, Schokolade und kleine Würstchen – letztere sind für mich. Wenn er nicht die Tür zugemacht hätte, wäre ich ohnehin schon im Wohnzimmer und hätte mir eines geschnappt. So aber komme ich nicht an den Baum, aber der verlockende Geruch kitzelt meine Nase …

Zweiter Teil der Serie: Aus den Aufzeichnungen des Prager Rattlers Dodo – Erster Teil, Zweiter Teil, Dritter Teil

Das Titelbild wurde von Zorah Kuchling, der zwölfjährigen Tochter von Mirella Kuchling, gezeichnet.

[box]Mit 13 Jahren schrieb Mirella Kuchling„Die Ratte Willibald“ für die Kinderseite der Kleinen Zeitung. Auf Umwegen kehrte sie 1998 zur Schreiberzunft zurück. Heute ist sie in der PR-Redaktion der Kleinen Zeitung tätig. 2005 erschien in der Steirischen Verlagsgesellschaft ihr erstes, literarhistorisches Buch “Literarische Spaziergänge durch Graz” Sechs Jahre später veröffentlichte Mirella Kuchling in der Grazer edition keiper ihren ersten Roman, „Frauenzimmer unmöbliert“, der gleich zum Verlagsbestseller des Jahres avancierte. 2012 folgte mit „Frauenzimmer teilmöbliert“ der zweite Band der Trilogie. „Frauenzimmer vollmöbliert“ gibt es ab Herbst 2013. Zahlreiche Lesungen, darunter 2012 auch auf der Wiener Buchmesse. [/box]

Die Bücher von Mirella Kuchling sind unter anderen auf Amazon erhältlich.

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