Weihnachten – Aus den Aufzeichnungen des Prager Rattlers Dodo

Dodo Weihnachten, Bild: Zorah Kuchling

Weihnachten

Das war ein Tag! In der Früh fing alles noch ganz harmlos an, aber dann …! Mein Herrchen und seine Mutter legten die Geschenke unter den Baum. Dabei losen sie immer, wer zuerst ins Wohnzimmer gehen muss, denn der, der als Zweiter geht, kann die Packerl des anderen ansehen, anfassen, ja sogar schütteln … Die alte Dame zog das große Los, sie durfte „schnüffeln“. Da sie aber fast immer zum Zug kommt frage ich mich, ob mein Herrchen nicht etwa beim Losen schummelt, um ihr eine Freude zu machen. Mich lassen sie erst ins Zimmer, wenn die Kerzen angezündet sind. Dann wird gesungen, so herzerweichend, dass ich mich nie enthalten kann, mitzujaulen. Mein Herrchen lacht immer, aber seine alte Frau Mama findet das gar nicht lustig, sie findet hündischen Gesang blasphemisch! Wobei sie natürlich glaubt, ich würde dieses Wort nicht verstehen.

Wenn die wüsste! Heuer duftete der Baum für mich besonders köstlich, denn er war ja mit Würstchen behangen. Schon beim Singen stach mir der verlockende Duft in die Nase. Als dann mein Herrchen die Geschenke zu verteilen begann, gab es kein Halten mehr: Mit einem Satz schnappte ich mir das nächstbeste Würstchen, natürlich hatte ich es schon vorher ins Auge gefasst, und zog mit aller Kraft daran. Anscheinend erwischte ich so etwas wie eine tragende Mauer des Christbaums, oder einen tragenden Punkt, jedenfalls kippte er vornüber und begrub mein Herrchen unter sich. Seine Mutter konnte gerade noch das Päckchen retten, das er ihr hinhielt. Na ja, es ist nicht so viel passiert, mein Herrchen kroch sofort unter dem Baum hervor und löschte den einen oder anderen kleinen Brandherd, den die Kerzen lustig unterhielten. Ich aber wurde in die Küche gesperrt und da sitze ich nun. Dabei bin ich unschuldig, bei meiner Rattlerehre! Wie soll ich denn wissen, dass der Weihnachtsbaum kippen kann, ich bin doch ein Fliegengewicht! Wahrscheinlich stand er nicht richtig und diese Idee mit den Würstchen hatten ja auch die Menschen! Aber wer ist wieder einmal schuld? Der Hund! Na ja, macht nichts, ich probiere derweil etwas von dieser köstlichen kalten Platte, die auf dem Esstisch steht. Ist wohl nicht für mich gedacht, aber wenn ich schon keine Würstchen bekomme, lasse ich mir Schinken und Pasteten schmecken. Fröhliche Weihnachten, liebes Tagebuch! Mhmmmm ….

Dritter Teil der Serie: Aus den Aufzeichnungen des Prager Rattlers Dodo – Erster Teil, Zweiter Teil, Dritter Teil

Das Titelbild wurde von Zorah Kuchling, der zwölfjährigen Tochter von Mirella Kuchling, gezeichnet.

[box]Mit 13 Jahren schrieb Mirella Kuchling„Die Ratte Willibald“ für die Kinderseite der Kleinen Zeitung. Auf Umwegen kehrte sie 1998 zur Schreiberzunft zurück. Heute ist sie in der PR-Redaktion der Kleinen Zeitung tätig. 2005 erschien in der Steirischen Verlagsgesellschaft ihr erstes, literarhistorisches Buch “Literarische Spaziergänge durch Graz” Sechs Jahre später veröffentlichte Mirella Kuchling in der Grazer edition keiper ihren ersten Roman, „Frauenzimmer unmöbliert“, der gleich zum Verlagsbestseller des Jahres avancierte. 2012 folgte mit „Frauenzimmer teilmöbliert“ der zweite Band der Trilogie. „Frauenzimmer vollmöbliert“ gibt es ab Herbst 2013. Zahlreiche Lesungen, darunter 2012 auch auf der Wiener Buchmesse. [/box]

Die Bücher von Mirella Kuchling sind unter anderen auf Amazon erhältlich.

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