Problemhund – ein Erfahrungsbericht (Teil 1)

Border Collie tricolour

Ich schreibe dies um Mut zu machen. Um Besserwisser zum Schweigen zu bringen. Um zu zeigen dass es auch mit schwierigen Hunden Lösungsmöglichkeiten gibt. Ich möchte den Betroffenen zeigen, dass sie nicht alleine sind. Viel zu oft werden diese Hunde verklärt. Die Besitzer werden behandelt wie naive, unbedarfte und ahnungslose Menschen, die ihrem Hund auch noch etwas Schlechtes tun. Kaum Einer dieser Menschen weiß was es heißt mit solch einem Hund zu leben. Aber fangen wir mal ganz von vorne an…

Dino auf der Decke
Das erste Foto von Dino

Border Collie als Zweithund

Auf der Suche nach einem Zweithund sind wir bei dem Border Collie gelandet. Wir suchten einen Hund der arbeitswütig ist, der freundlich ist, den man gut ausbilden kann und keinen Schutztrieb hat. Wir entschieden uns für einen bereits erwachsenen Hund aus der Nothilfe. Leider bekamen wir dort keinen Hund, da ich noch studierte und mein Freund grade erst mit der Arbeit anfing. Also suchten wir einen Hund von privat. So stoßen wir auf eine Anzeige, bei der ein wunderschöner dreifarbiger Rüde abgegeben werden musste, aufgrund von Zeitmangel. Das Alter des Hundes passte und so fuhren wir hin. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach einem langen Gespräch baten wir noch um Bedenkzeit, aber sehr schnell war klar: Dieser Hund soll es werden. Beim nächsten Termin nahmen wir ihn endlich mit nach Hause.

An dieser Stelle könnte Schluss sein-könnte, wenn Dino (so nannten wir ihn) nicht Dino wäre. Es taten sich Verhaltensprobleme auf, die wir vorher nicht kalkuliert hatten. Ein Zusammenleben mit den anderen Hunden war nur schwer möglich. Meine Mitbewohnerin zu der Zeit (der Auszug stand bereits fest) hatte einen Rüden, der unentwegt angegriffen wurde. Selbst wenn dieser sich unterwarf, setzte Dino nach. Wenn meine Althündin ihn anknurrte, wusste er nichts damit anzufangen – er legte lediglich den Kopf schief. Drinnen begann er mit Stereotypien. Er fing imaginäre Fliegen und leckte die Scheibe zum Balkon ab, nur weil ich lachte. Das größte Problem tat sich aber draußen auf: Er ging jeden Hund an. Nicht nur das – er ging alles an was ein Hund sein könnte. Er zog an der Leine wie ein Verrückter und nahm jeden Stein und jeden Stock auf. Er war zu gestresst um zu merken dass noch jemand da hinten dran hing. Er wusste nicht wohin mit sich und kanalisierte seine Energien in solche Verhaltensweisen.

Gegenkonditionierung

Nun hatte ich ja bereits Erfahrung mit Hunden. Ich wollte es versuchen mit Gegenkonditionierung – dies hatte bei meiner Hündin prima geklappt. Nur wo anfangen? Er nahm draußen sobald er auch nur DACHTE dass da ein anderer Hund kommt, nichts mehr an. Er war nicht mehr zugänglich. Als er mir draußen urplötzlich bei einer anderen Frau ausrastete, fragte ich sie ob sie einen Hund hätte. „Ja-der riecht den bestimmt“. Das war der Moment wo ich merkte, dass ich in der Hinsicht nur versagen konnte. Am Abend trank ich ein Glas Rotwein und weinte.

Border Collie Dummy
Auslastung in Form von Dummyarbeit

Ich fing an ihn auszulasten, ihn behutsam an all das „Außen“ zu gewöhnen. Ich holte eine Box damit er entspannen konnte. Ich ging ganz kleine Schritte. Langsam wurde es besser. Draußen konnte ich tatsächlich 30 Minuten mit ihm laufen ohne dass er komplett abdrehte. Ohne jegliche Ablenkung konnte er draußen auch einen Futterbeutel apportieren (das mussten wir deswegen Nachts machen). Die Stereotypien wurden langsam besser. Jedoch fing er an rein zu pinkeln. Er pinkelte riesige Lachen und musste alle 4 Stunden raus. Da fing die Odyssee der Tierärzte an…

Nach diversen Untersuchungen bekam er bei Tierarzt A die Diagnose „psychosomatischer Säufer“. Aufgrund des Stresses würde er viel trinken und dann pinkeln. Also gab es Caniephidrin. Daraufhin holte er uns die Tapeten von den Wänden. Erst als meine Trainerin (zu der kommen wir noch) geschockt reagierte als ich ihr das erzählte, begann meine Recherche. Ephidrin ist der Grundstoff von Speed-als Nebenwirkung kann Übererregbarkeit auftreten. Dies hatte uns unser Tierarzt galant verschwiegen. Ich setzte die Tabletten ab. Lieber einen Hund der rein pinkelt, als einen Hund der total überdreht… Schilddrüse wollte Tierarzt A nicht testen – erst auf mein Drängen hin, tat er dies. Alle Werte waren im Normbereich. Sein Rat: Stress raus nehmen, Verhaltenstherapie machen, unser Verhalten ändern. Wir werden später nochmal auf die Rolle der Tierärzte kommen. Eine Diagnose stand ja nun: Ihr seid unfähig den Hund zu erziehen.

Ich hatte trotz allem großes Glück unsere Hundetrainerinnen zu finden. Mir war schnell klar, dass ich mit normalen Methoden nicht mehr weiter komme. Also kontaktierte ich den Hundetrainer den ich am ehesten solche Hunde zutraute. Dieser verwies mich an eine Hundeschule die „nur“ etwa 100km entfernt war. Er war etwa 400km weiter weg – insofern waren 100km eine recht kurze Entfernung… Ich kontaktierte die empfohlene Hundeschule und es gab ein ausführliches Gespräch am Telefon. Das erste Mal fühlte ich mich richtig verstanden. Wir machten einen Termin aus um ein spezielles Training anzufangen.

In der Zwischenzeit wurde es mit Dino immer schlimmer. Wenn man so einen Hund noch nie hatte, kann man sich es nur schwerlich vorstellen. Dino rastete bei anderen Hunden derart aus, dass ich nicht mehr wusste wie ich ihn halten sollte. Mit seinen 15Kg warf er mich nicht um, aber er verletzte sich selber. Hysterisch sprang er hoch um durch den Zug der Leine (die am Geschirr fest war) wieder runter gerissen zu werden. Mit einem lauten „RUMS“ landete er seitlich auf dem Boden. Dabei waren Abschürfungen nicht selten – Sorgen bereiteten mir auch seine Rippen die er sich so immer wieder prellte. Nahm ich ihn deswegen am Geschirr, damit dies nicht passierte, riss er mir durch die Nylongurte die Hände auf. Ich kam von Spaziergängen häufig mit blutenden Händen wieder. Am Halsband biss er wild um sich-ich musste ihn „aufhängen“ damit es aufhörte. Mir war klar dass das nicht zielführend war. Ich begann ihn im Wald im tiefsten Gebüsch anzubinden und mich vor ihm hinzu stellen- um wenigstens die „Tut-Nixe“ davon abzuhalten auch noch verletzt zu werden. Ich erntete missbilligende Blicke. „Die hat ihren Hund ja gar nicht im Griff“ „Der baucht nur mal Kontakt zu anderen Hunden „Sowas ist doch hausgemacht“ um nur einige der Sprüche zu nennen…

Neue Hundeschule

Es war eine wirklich furchtbare Zeit. Hier kam nun die Hundeschule ins Spiel. Das Training war nicht „schön“. Wir hatten keinen „Spaß“. Wir tollten nicht mit Leckerchen über die Wiese und streichelten die Hunde in einer rosa-roten-Welt wieder lieb. Nein wir mussten arbeiten. Das Training war höchst anspruchsvoll auch was die Psyche betraf. Die ersten 6 Wochen fuhr ich heulend nach Hause und schlief danach. Dabei belief sich die effektive Trainingszeit des Hundes auf höchstens 10 Minuten. Immerhin gaben mir die anderen Leute der Gruppe Kraft. Das erste Mal war ich nicht alleine mit diesem Hund. Alle hatten einen Problemhund an der Leine, der Probleme machte. Viele gingen andere Hunde an, einige gingen auch Menschen an. Alle Betroffenen waren psychisch am Boden. Die meisten waren schon durch diverse Hundeschulen geirrt. Viele großmäulige Trainer hatten sich an diesen Hunden versucht und scheiterten. Ob mit der Brachial-Methode „du musst nur zeigen wer der Boss ist“ oder mit der „wir klickern alles schön“-Methode. Nichts half – zurück gelassen wurden sie immer mit dem Gefühl der Unfähigkeit. Unfähig einen Hund zu halten und unfähig ihm das zu bieten was er braucht. Schließlich sind ja immer die Menschen Schuld! Schon die Haltung dieser Hunde macht einen schuldig- egal ob das Problem „selbst gemacht“ ist oder ob man den Hund aus dem Tierschutz hat. Wenn man „richtig“ reagieren würde, würde der Hund sowas ja nicht tun.

Ich hatte also endlich Gleichgesinnte getroffen und durfte erleben wie emotional Hundehaltung werden kann. Im Training zu weinen, war gar nicht so unüblich. Auch ich weinte – nicht im Training aber jeden Abend Zuhause.

Nach und nach zogen alle an uns vorbei. Alle konnten bereits in die nächste Gruppe gehen – wir hatten zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Hundeablenkung. Dafür war Dino „zu weit weg“. Später erzählte mir eine Trainerin dass sie als sie uns sah, nicht wusste ob das noch hinzubiegen sei. Wir machten trotzdem weiter – auch wenn ich langsam verzweifelte.

Eines Tages hatten wir eine Hundeablenkung und dieses Mal wurde das Verhalten durchbrochen. Nein es war nicht schön. Ein Alternativverhalten hatten wir bereits vorher erarbeitet, aber aufgrund dessen ändert ein Hund nicht alleine sein Verhalten. Also musste ein gut sitzender Abbruch her. Ich durfte den Hund das erste Mal auf die Seite legen. Dino war Baff. So etwas Unerhörtes hatte ich ja noch nie gemacht. Von da an hieß es, ihn nie wieder zum Erfolg kommen zu lassen.

Border Collie Maulkorb
Dino in „voller Montur“

Auch hier folgte eine enorm schwere Zeit. Er trug aufgrund seiner Schnapperei einen Maulkorb und zusätzlich ein Halti. Natürlich erntete ich wieder böse Blicke und ich wurde als „Tierquäler“ beschimpft. Eines Abends als wir mit ihm mit dem Futterbeutel übten, kam sein Erzfeind um die Ecke. Dino trug keinen Maulkorb und bei dem Versuch ihn von seinem Angriff abzuhalten, biss er zu. Er starrte mich an, knurrte und hielt meinen Arm fest. Ich drückte ihn auf den Boden in der Hoffnung dass dieser Hund endlich von meinem Arm ablässt. Als sein Erzfeind vorbei war, bekam ich meinen Arm auch endlich wieder frei. Da begriff ich es: Er hat nie wild geschnappt, wie ich immer dachte. Er hat immer zielgerichtet geschnappt. Eine Welt brach zusammen.

An diesem Abend noch rief ich meine Freundin an. Zusammen machten wir eine Liste mit Pros und Contras. Auf die Pro-Seite kamen all seine guten Eigenschaften. Auf die Contra-Seite kamen all die schlechten Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen. Sollte die Contra-Liste überwiegen, wollte ich ihn abgeben. So schrieb ich alles auf. Von seinem tollen Verhalten gegenüber Menschen (solange kein Hund in Sichtweite war) bis hin zu seinen Stereotypien. Am Ende war die Contra-Liste doppelt so lang, als die Pro-Liste. „Nun“, sagte ich zu meiner Freundin „eigentlich ist das alles nicht so schlimm, wenn er nur nicht mehr so aggressiv auf andere Hunde reagieren würde“. Von da an war klar: Dino bleibt! Und von da an sollte es nur noch aufwärts gehen.

Autorin: Nina Dany

Im zweiten Teil, berichtet Nina, wie es mit ihr und Dino weitergegangen ist!

2 Kommentare

  1. Hallo Nina,

    vielen vielen Dank für deinen Beitrag… bin selber Besitzerin einer „Problemhündin“, haben uns seit etwa 1-1,5 Jahren stark verbessert, aber eines der schwierigsten Dinge für mich war es, das Gerede der anderen Leute zu ignorieren… da hadere ich tlw jetzt noch damit. aber dann denke ich mir auch immer, die haben absolut KEINE ahnung von mir oder von meinem hund. wenn man so einen hund nicht selber mal erlebt hat, kann man immer leicht reden ;)

    bin gespannt zu lesen, wie es mit dir und dino weitergegangen ist. danke, allein dein erster artikel hat mir viel kraft gegeben!

  2. Ich erkenne mich in vielen Absätzen wieder. Auch wir haben, ähnlich wie du, ein Überraschungspaket übernommen. Schlechte Sozialisierung, isolierte Haltung und ein mix aus vielen schwierigen Rassen. Unter anderem Border Collie. Gelandet bei einer Animal Horderin und geerntet hat er von all dem ein extremes Trauma. So ein Hund ist schwierig aber ich weiß wie sehr man sie dennoch liebt und spürt das sie es lernen können. Unserer hat nie gebissen aber die Leute starren uns auch an wenn Sunny an der Leine rumspackt. 1 Jahr hartes Training liegt hinter uns mit viel Schweiß und Tränen. Aber Erfolg ist da er kommt zwar Stückchenweise aber er kommt. Bin gespannt auf Teil 2.

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