Leidensfähige Hundehalter

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Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie leidensfähig so manch Hundehalter ist. Nicht nur, dass man für den werten Herr Vierbeiner das ganze Leid noch auf sich nimmt, man hält dies häufig sogar für selbstverständlich. Das Resultat sind abstruse Situationen und noch seltsamere Ausreden.

In gewisser Weise nehmen sicherlich viele von uns, die eine oder andere Macke des geliebten Vierbeiners in Kauf. Doch es gibt Macken die zu richtigen Problemen mutieren und das Leben nicht nur des Hundes, sondern auch des Menschen stark beeinträchtigen. Wir haben in der Regel das Wohl des Hundes immer fest im Blick. Der Hund lebt nicht mehr nur mit uns – ein ganzer Teil unseres Lebens dreht sich um den Hund. Schnell verschiebt sich da der Blickwinkel und aus kleinen Macken werden große Probleme.

Häufig fängt es klein und harmlos an

Der Hund jankt, wenn er warten muss und ist unruhig. Klar mag er das nicht – „es ist ja schließlich auch langweilig“. Die Versuche des Ablenkens und guten Zureden scheitern. Aber so ein großes Problem ist das ja auch nicht – „er mag das halt nicht“. Eines Tages trifft man sich mit einer Freundin in einem Cafe. Der arme Hund soll natürlich nicht alleine zuhause bleiben, also wird er mitgenommen. Anstatt eines gemütlichen Kaffeeplausch erwartet einen aber ein jammernder Hund, der partout nicht unter dem Tisch liegen bleiben möchte. Schnell bekommt man genervte Blicke zugeworfen, die Freundin rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her und der Nachbartisch fängt an zu tuscheln. Welch unangenehme Situation für den Besitzer, der natürlich so etwas nicht noch einmal erleben möchte. „Ne“, denkt er sich, „das mag Bello nicht so gerne dort.

Dann lassen wir das mit dem Kaffee trinken in Zukunft. Und auch wenn er eigentlich das Quatschen gerne hat und gerne einen Kaffee dort trinkt, aber wenn Bello nicht will, geht das natürlich nicht mehr. So ein Hundehalterleben kann dann plötzlich sehr einsam machen.

Hund zieht an der Leine
Ein an der Leine ziehender Hund kann mehr als nur nervig sein…

Richtig anstrengend wird es dann, wenn das Leiden nicht nur psychischer, sondern auch physischer Natur ist. Die Leinenführigkeit ist durchaus anstrengend, wenn man sie beibringt. Besonders Hunde aus dem Tierschutz können regelrechte Zugmaschinen sein, die einen wild von Baum zu Baum ziehen. Klar wird versucht auch stehen zu bleiben, oder die Richtung zu ändern. Schwierig wird es, wenn das nicht den gehofften Erfolg bringt in einem gewissen Zeitraum.

Gerne angeführt wird hier die Rassen-Ausrede. „Das ist ein Husky (wahlweise hier eine andere Rasse einsetzen) und der zieht nun mal – da kann man nix machen.“

Und so gibt es Hundehalter die ihre Hunde ziehen lassen und bald darauf wegen Arm-, Schulter- und Rückenschmerzen beim Arzt landen und sogar operiert werden müssen. Wohlgemerkt trägt der Hund natürlich ein gut sitzendes Geschirr, denn „der dauerhafte Zug auf den Hals ist nicht gut und der soll ja keine bleibenden Schäden davon tragen“. Herzlichen Glückwunsch an alle die nun erschrocken vom Stuhl gefallen sind oder geschockt den Kopf schütteln: Ihr habt die Realität noch nicht ganz aus den Augen verloren.

Es gibt aber nicht nur die notorischen Leinenzieher. Es gibt die Hunde die im Spiel netterweise alles umnieten was ihnen im Weg steht. An Leuten hoch springen (und dabei auch mal zu Fall bringen), oder ähnliche gefährliche Aktionen bringen. Aber da kann man natürlich nichts gegen tun, denn „der ist halt so“. „Im Spiel ist der halt wild“. „Der mag andere Menschen so gerne“.

Gefährdungspotentiale

Border Collie Hund mit Maulkorb
Maulkorb? Nein Danke!

Wo wir nun bei Gefährdungspotentialen sind: Richtig gefährlich wird es dann, wenn der Hund anfängt Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die kaum mehr heutzutage zu tolerieren sind. So gibt es Menschen, die mit ihrem Hund zu den unmöglichsten Zeiten raus gehen, oder in die entlegensten Gebiete fahren, nur um keine anderen Hunde zu treffen, die der 40-Kilo-Hasso gerne verputzen würde. Ein Plausch mit anderen Hundehaltern den man doch so schätzen würde, ist nicht mehr möglich. Entspanntes Spazieren gehen? Fehlanzeige. Aber was tut man nicht alles für den Hund.

Und wenn der Hund in die Hand beißt, weil er nicht an den anderen Hund dran kommt, kann man dem natürlich keinen Maulkorb aufsetzen. Schließlich ist das für den Hund ja so einschränkend und unangenehm. Der findet Hundebegegnungen doch auch schon so total doof. Auch wenn der Hund gerne andere Menschen fressen möchte, muss man den Hund ja nicht noch mit so etwas drangsalieren – die anderen Menschen müssen ja auch nicht so nah an den eigenen Hund vorbei gehen. Die müssen doch wissen, dass nicht alle lieb und nett sind!

Nein das Leben dreht sich schon zu einem großen Teil um den Hund und die Auswüchse werden immer befremdlicher. Und da gibt es dann tatsächlich Situationen, bei der Frau Müller mit ihrem Eurasier Max mitten im Gebüsch steht, denn „der wollte da eben hin“. Ein Weiterziehen des Hundes scheint vollkommen unmöglich zu sein, ganz zu schweigen davon selbst mal die Richtung anzugeben.

Sind das Ausnahmen?

Nein, würde ich mittlerweile sagen. Es vergeht kaum ein Tag wo ich solche Dinge nicht miterlebe, lese oder höre. Wo ist nun genau der Fehler? Wo ist etwas schief gegangen, dass Hundehalter derart leidensfähig, und zudem auch noch unfähig sind, dieses eigene Leid zu beseitigen? Der Ruf nach der „richtigen“ Erziehung oder der „richtigen“ Methode ist hier wohl fehl am Platz, denn das ist nicht die Ursache.

Der Hund ist in der modernen Hundehaltung mehr als nur ein Helfer, der einen festen Job hat. Der Hund lebt heutzutage in und mit der Familie, er soll ein lieber und netter Begleithund sein. Nicht selten wird aus dem tierischen Familienmitglied ein Partner, ein Freund, ein Kind.

Die moderne Gesellschaft und die neue Rolle des Hundes

Beziehungen in der modernen Gesellschaft sind schwieriger als früher. Früher gab es feste Beziehungen in Kirchen, in Vereinen, in Nachbarschaften und so weiter.

Diese traditionellen Bindungen lösen sich immer mehr auf. Selbst die Familie, die immer sicher schien, verliert zunehmend als fester Beziehungspunkt an Bedeutung. Heute kann man sich sogar entscheiden ob man mit den Eltern oder anderen Angehörigen noch Kontakt haben möchte. Und selbst wenn man dies möchte, muss man sich für die Aufrechterhaltung dieser Beziehungen anstrengen, und trotzdem hat man immer noch die Ungewissheit ob das Gegenüber nicht die Beziehung von seiner Seite aus abbricht. Da kommt uns der Hund als Partnerersatz grade recht.

Die Beziehung zum Hund ist sicher! Er ist immer für einen da und doch nagt an einem immer wieder der Zweifel.

Liebt er mich auch?
Ist er nun sauer auf mich?
War ich nun nicht doch zu streng?

Und so wird diesen Konflikten aus dem Weg gegangen. Auf keinen Fall möchte man etwas an dieser besonders innigen Beziehung ändern. Und übersieht dabei schnell die Macke seines Hundes und macht aus einem handfesten Problem eine kleine Ungehorsamkeit. Um dies zu legitimieren hat man genügend Ausreden in petto – Das die Betroffenen selber zunehmend darunter leiden, möchten sie gar nicht sehen. Ein Umdenken würde schließlich auch über die normale Erziehung hinausgehen – sie müssten selbst etwas bei sich ändern. So weiter zu leben und seinen Alltag um den Hund herum zu strukturieren, ist auch sehr viel einfacher…

Mann und Border Collie
Eine innige Beziehung mit dem Hund ist auch möglich, wenn man nicht versucht ihm die Welt zu Füßen zu legen. Was Kuscheln auf der Couch natürlich nicht ausschließt. ;)

Es ist wichtig nicht den Blick für die Realität zu verlieren. Der Hund ist ein Hund und kein Mensch – und schon gar kein besserer. Sorge und Nöte kann er sich zwar anhören, jedoch kann er uns nicht verstehen und darauf antworten. Auch wird die Beziehung nicht schlagartig zerstört, wenn man dem Hund sagt, dass etwas nicht geht.
Es ist keine Schande sich bei Problemen professionelle Hilfe zu holen. Zumal ein Hund mit der Rolle als Partnerersatz auch vollkommen überfordert ist. Kein Hund möchte einen Sozialpartner der vor ihm kniet und alles hinnimmt.

Hunde brauchen einen Sozialpartner, an dem sie sich orientieren können und der Sicherheit bietet. Wir dürfen in unserer Beziehung zum Hund und bei all unseren Emotionen nicht vergessen, dass wir ein Tier vor uns haben. Wir müssen Rücksicht auf unsere Umwelt nehmen und auf uns selber auch Acht geben.

Alles Andere ist nicht nur unfair dem Hund und unseren Mitmenschen gegenüber – auch wir selber sollten uns wichtig genug sein, um solche Auswüchse nicht zuzulassen.

Autorin: Nina Dany

4 Kommentare

  1. Hat die Nina da etwa beim Umrempeln im Spiel an meinen Hund gedacht? Aber ich tu ja was und versuch sie zu unterbrechen, wird ja schon besser!

  2. Liebe Tina,

    nein da habe ich tatsächlich nicht an Nala gedacht, sondern an meinen kleinen schwarz-weißen verrückten Border. Der fing irgendwann an in mich, andere Leute und Hunde beim Toben rein zu rennen und die mal eben von den Füßen zu holen. Meine Alt-Hündin hat mir gut gezeigt, dass man so etwas nicht tolerieren muss – anders als viele Leute die ich auf Spaziergängen kennen lernen durfte. Die gingen davon aus, dass man anständig bei Seite hüpft, anstatt dass man dem eigenen Hund mal Respekt beibringt. ;) Unsere Hunde sind nicht perfekt, aber darum geht es nicht. Es geht um die Einstellung die wir dem gegenüber haben. Und so arbeiten wir beide an der gleichen Baustelle und suchen uns keine Ausflüchte hinter denen wir uns verstecken müssten (um auch der ungeliebten Erziehung aus dem Weg zu gehen). Es geht eben nicht um die „richtige“ Erziehung oder gar Methode, sondern um die Einstellung die wir gegenüber unserem Hund haben.

  3. Hallo!
    Es freut mich, dass sich jemand dieses Thema annimmt und ich nicht einsam als Masochist abgestempelt werde, wenngleich sich mancher Neurologe seine Gedanken macht.
    Der Grund: ich lebe wie Diogenes, zwar nicht in einem Fass, aber doch etwas abgeschieden mit 5 (fünf) Hunden und einem Kater (nicht vom Saufen).
    In der sogenannten Zivilisation macht oft 1 Hund Probleme, mit fünf potenzieren diese. Vor kurzem waren es noch 6, doch der Kurzschluss eines Tierarztes brachte mir 2500km und den Abschied vom Hund ein. Der Abschied hatte Langzeitwirkung, doch wurde er von neuen Problemen überlagert. Da waren es nur noch 5.
    Bei meinen regelmässigen Besuchen in einem ungarischen Tierheim erlebte ich eine Love-Story, die es wert ist sie zu beschreiben. Nicht hier. Kurz die Rottweilerhündin war angeschossen und im Strassengraben entsorgt. Der Schuss verletzte das Bein, ein Trümmerbruch war festgestellt, nur die Verletzung war 6 Wochen alt. In dieser Zeit vegetierte der Hund abseits der Strasse und wurde im letzten Moment geborgen und in das Tierheim gebracht. Der Hund war nahezu verhungert und dehydriert, Stunden später, wäre es zu spät gewesen.
    Der Tierarzt holte sie praktisch aus dem Jenseits wieder und begann mit der „Reparatur“ des Beines mit dem ersten Implantat, des komplizierten Trümmerbruches. 3 Monate später begann diese Lovestory. Ich ging immer wieder mit den Hunden spazieren, doch diesmal war ihr Zellengenosse mein „Patient“.
    Ungeachtet dessen baggerte sie mich an. Ich wusste, dass sie behindert war und wollte diesen Ausgang anderen Personen überlassen. Sie war stärker. Obwohl sie Schmerzen hatte und Probleme beim Auftreten, sprang sie an mir hoch und schaffte einen Zungenkuss. Ich gab nach. Der Ausgang endete nach 20 Metern, sie konnte nicht mehr. Ich hätte nicht mehr geglaubt, dass ich in meinem Alter noch eine Frau auf Händen trage, sie wog zwar nur mehr 24 kilo, doch hatte sie die Festigkeit einer Qualle, liess es aber geschehen. Den nächsten Zungenkuss konnte ich gerade noch abwehren. Das Spiel wiederholte sich noch einige Male, bis sie den Überfüllten Zwinger verlassen musste und in das neue unfertige Gehege ausweichen, wo der Wasserstand auf dem unbefestigten Boden bereits 10 cm betrug. Die einzige Hundehütte musste sie sich mit einem Schäferrüden teilen, der kein Kavalier war. Dies war in einer Woche, in der es pausenlos regnete. Sie war klatschnass mit einem Körper der aussah wie Hans Albers Schifferklavier und fror erbärmlich.
    Dank meiner psychischen Störung errechnete ich, dass auch für den 6. Hund Platz hätte. Wochen zuvor hauste ich noch mit fünf Hunden auf 18 m/2. Also bot ich mich an den Hund einige Wochen zu pflegen. Das war vor 2 Jahren. Nelly, so hiess sie war ein Horror. Es gab fast nichts, was sie nicht zerbiss.Eine Aufstellung würde lange dauern, deswegen die Kurzfassung: 2Telefone,1Digitalkamera,Unzählige Verpackungen, deren Inhalt ich nicht mehr retournieren konnte. Z.b. Kolbenringe, Radlager,21 Plastikeimer, usw.
    Daraus entstand der verständliche Wunsch, dass ich sie an 3Tagen in der Woche ins Tierheim zurückbringe, an 2 Tagen in der Woche zum Tierarzt, zum Einschläfern. SA-SO war frei.
    Das seit 2Jahren. Sie ist telepathisch begabt, denn im Moment sah sie mich so an, wie sonst wenn ich diese Gedanken hegte.
    Klar war nach einer Woche, dass man sie nur operativ entfernen konnte, deswegen nahm sie mich nicht ernst. Die Krankengeschichte liesse sich noch weiterführen, aber ich denke für eine Überweisung in die Psychiatrie müsste dies reichen.

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