Ein Hundeleben zwischen Kitsch und Fellnase

Larbrador rennen spielen toben

Ich bin kein besonders romantischer Mensch. Das war ich noch nie. Ich hatte noch nie ein Herz für Kitsch. Schon in jungen Jahren fand ich es höchstens peinlich, dass meine Geschlechtsgenossinnen einen Teddybär mit Herzchen und „I Luv U“-Spruch von ihrem ersten Freund geschenkt bekommen haben. Da hat man grade seine Kuscheltiere auf den Dachboden gestellt, weil man sich zu alt fühlte und plötzlich soll man sich so ein hässliches Dingen auf das Bett stellen und sich auch noch freuen? Immer schon habe ich gesellige Abende mit sehr lauter Musik im Proberaum einem romantischen Picknick vorgezogen.

Vielleicht kann ich deswegen den romantischen Kitsch der um unsere Hunde zelebriert wird, nicht so toll finden.

Wobei „nicht so toll“ wohl die Untertreibung des Jahrhunderts ist. Ich könnte mich glatt übergeben, wenn ich die abstrusen Spitznamen, schlecht bearbeitete Fotos und pseudo-nachdenklichen Spruchbilder höre und lese. Eventuell liegt es aber auch an den persönlichen Erfahrungen die ich mit den Haltern, die diese Sprüche gerne zitieren, und ihren „Fellnasen“ gemacht habe.

Border Collie Welpe Spielzeug Kong
Welpen sind sehr süß – aber auch einfach Hunde, die einen entsprechenden Umgang benötigen.

Süße Spitznamen

Auf meiner akuten Brechreiz-Liste steht auf Nummer 1 unangefochten die „Fellnase“. Wer zum Teufel ist auf die völlig bescheuerte Idee gekommen einen Hund der rundum behaart ist, außer eben auf der Nase ausgerechnet „Fellnase“ zu nennen? Wenn, dann ist der Hund allenfalls eine Nacktnase. Grundsätzlich sind die Nasen sehr hoch im Kurs. Ob Lakritz-,Schoko-, Streusel- oder sonstige Nasen-immer sind sie süß. Die Nasen meiner Hunde sind nicht süß. Sie sind salzig. Woher ich das weiß? Sie dötschen mit ihren schleimigen, kalten, nackigen Nasen eben überall gegen. Grade noch in den Kackehaufen rein gehalten, dann am bodentiefen Fenster abgewischt und anschließend Frauchen ungefragt an den Mund gedötscht – iiiiieh!

Auch wenn diese „Nasen-Spitznamen“ bescheuert sind, so sind sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sind die Spitznamen, die da dran gehängt werden. „-püppi“, „-hasi“, „-mausi“ oder ganz schlimm „-kind“. Selbstverständlich können diese Begriffe auch für sich stehen, was es übrigens richtig schwierig macht die Leute zu verstehen. Über die Frage in einer allgemeinen Tiergruppe „Hilfe! Meine Maus frisst nicht mehr richtig. Gestern nur 200gr, obwohl sie 400gr kriegen muss und heute nur eine Handvoll. Was soll ich tun?“ muss man dann wirklich gut nachdenken. Die Antwort „Das ist aber ganz schön viel für eine Maus!“ ist da übrigens nicht angebracht. Lustig finden die das nämlich nicht. Die Spitznamen werden todernst vergeben und jeder der die ungebrochene Liebe, die damit zum Ausdruck gebracht wird, nicht erkennt, ist herzlos.

Ich muss da wohl herzlos sein. Ich bin auch zu herzlos um bei dem Begriff des „Fellkindes“ spontanen Milcheinschuss zu bekommen. Ich habe keine Kinder. Ich bin nicht die Mama meiner Hunde. Ich kann keine Hunde gebären! Ich habe sie gekauft oder sie wurden mir geschenkt. Es sind Tiere. Sie haben spitze Zähne, stinken aus Maul und After, pupsen gerne, fressen ihre eigene Kotze, finden andere Babytiere zum fressen süß (und nicht milcheinschusssüß) und pfeifen auf meine menschlichen Moralvorstellungen. Es sind Hunde. Nichts anderes. Ich besitze meine Hunde. Sie sind nicht mal freiwillig bei mir. Auch wenn wir uns gegenseitig ziemlich knorke finden, heißt das nicht, dass wir in einer permanent friedlichen und herzigen Atmosphäre leben.

Herzige Spruchbilder

Dobermann Dalmatiner Mischling Zitat Herz Spruchbild
So oder so ähnlich sehen die Spruchbilder aus – voll herzig!

Anders als die Leute, die am liebsten Sprüche teilen wie

Dass mir der Mensch das Liebste sei, sagst du, o Mensch, sei Sünde? Der Hund blieb mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde!“

(wahlweise von Schopenhauer oder Franz von Assisi, die Sprüchebildermacher sind sich da nicht sicher) oder „Meine Kinder haben Fell!“. Erfahrungsgemäß haben diese Leute vor allem eine sehr rosige und wunderschöne Zeit mit ihren Hunden. Diese sind im Gegensatz zu Menschen ja auch perfekt.

Der Leinen-ziehende Rocky ist dann einfach neugierig. Die aggressive Lillifee hat halt Angst. Der bissige Sam, möchte einfach sein Rudel beschützen. Und der dauer nervige Jack ist nun mal sehr aktiv. Das ist alles so nachvollziehbar, süß und herzig, dass da auch keinerlei Erziehung gegengehalten wird. Man darf die süße Fellnase ja schließlich auch nicht an ihrer Persönlichkeitsentwicklung behindern. Da Hunde besser als Menschen sind, muss man sich eben nach ihnen richten und nicht anders herum.

Es ist wohl auch diese Sicht auf den Hund, die neben meiner nicht vorhandenen romantischen Ader einen akuten Brechreiz auslöst, wenn ich diese niedlichen Bilder mit den süßen Sprüchen und den Wörtern „Fellnase“ und „Fellkind“ versiert sehe.

Denn ganz unter uns: Auch ich nenne meine Tiere zur Begrüßung „Mäuse“. Dabei sind das ausnahmslos potentielle Mäusekiller (Hunde und Katzen). Und manchmal, wenn ich so richtig herzig drauf bin, nenne ich meinen Rüden „Spatzelpu“. Das ist ungefähr genauso sinnvoll wie „Fellnase“. Das sind aber Kosewörter, die ich Zuhause meinen Tieren sage. Ich würde nicht auf die Idee kommen ein Foto raus zu suchen, dann mit Paint da drauf rumzusauen und in unmöglicher Schriftart und –farbe da die Wörter „mein Spatzelpu ist das Beste in meinem Leben“ drauf zu schreiben und dann hochzuladen. Denn dass ist er nicht.

Spruchbild Zitat Herz Schäferhund Husky Mix
Ein ehrliches Spruchbild – inklusive obligatorischer Rechtschreibfehler.

Es gibt Tage, da ist mein „Spatzelpu“ schlicht ein „blödes Arschloch“. Und meine „Schnuppemaus“ ist eine „dämliche Kuh“. Streit kommt eben auch in den besten Familien vor. Und auch wenn ich meine Hunde sehr liebe, so ist weder Alltag noch die Erziehung immer rosarot und wunderschön.

Ich finde es bedenklich, wenn solche Bilder und Sprüche den Hundehaltern eine Harmonie vorgaukeln, die es so gar nicht gibt. Das Leben mit Hund wird völlig überfrachtet durch enorm hohe Erwartungen – Erwartungen die überhaupt nicht erfüllt werden können. Aber auch der Hund wird überfordert mit Rollen, die er nicht erfüllen kann. Er ist kein besserer Mensch. Er ist auch kein kleiner Mensch mit Fell. Er ist kein Kind. Er ist nur ein Hund. Ein Hund mit eigenen Ecken, Kanten, eigener Persönlichkeit und Bedürfnissen. Er handelt niemals moralisch und lässt sich weder durch Liebe noch durch Spiritualität lenken und leiten.

Wenn die liebe Fellnase aus dem Tierschutz nicht dankbar ist, sondern sich nicht anfassen lässt; Wenn der süße Welpe das erste Mal seinen Knochen ernsthaft verteidigt; Wenn der treue Wegbegleiter abhaut um jagen zu gehen; Wenn der eigene Hund sich gegen permanente Zwangsbekuschelung mit seinen Zähnen wehrt, dann ist das die Realität, die fernab dieser überfrachteten rosaroten Vorstellungen existiert. Es sind eben Hunde. Opportunistisch, mit eigenen Vorstellungen vom Leben und eigenen Interessen und Bedürfnissen. So manch Hundehalter scheitert nicht an den verschiedenen Erziehungskonzepten oder dem „schwierigen“ Hund, sondern an seinen eigenen Vorstellungen, die mit dem Wesen des Hundes kollidieren und nicht in Einklang zu bringen sind. Die Folge sind Hunde, die abgegeben werden und verzweifelte Hundebesitzer.

Ein bisschen weniger Rosa-Glitzerwelt und ein bisschen mehr Realität, würden der Hundeszene gut tun. Nicht nur, dass so manch Hund die Abgabe erspart bleiben würde (weil sich die richtigen Menschen für ihn interessieren und nicht die, die eine dankbare Fellnase retten wollen, die bitte auch dankbar alles über sich ergehen lassen muss). Auch würde es den Hunden gut tun, wenn sie nicht als kleine Menschen gesehen würden, sondern als das was sie sind: Hunde. Auch ein nerviger Jack hat das Recht auf Entspannung und Ruhe. Auch eine aggressive Lilifee hat das Recht darauf, dass man ihr zeigt welche Aufgaben sie hat und welche nicht. Und auch der bissige Sam darf seine Umwelt nicht gefährden. Hundehaltung und –erziehung ist manchmal anstrengend und stressig.

Oder um es für die Romantiker und Sprücheliebhaber in den Worten von Konrad Lorenz ausgedrückt:

Der Wunsch, ein Tier zu halten, entspringt einem uralten Grundmotiv – nämlich der Sehnsucht des Kulturmenschen nach dem verlorenen Paradies.

Nur wer die Natur seines Hundes achtet, kann diese auch erleben und genießen.

Autorin: Nina Dany

6 Kommentare

  1. Vollkommen richtig! Diese heititei-rosa Glitzerwelt ist allenfalls was für kleine Mädchen! Der Hund ist vielmehr unsere Verbindung zur Natur! Und anders als wir Menschen kann er gar nicht anders als authentisch sein. Das sollten wir genießen – in allen Facetten! ;-)

  2. Herrlich , habe mehrfach laut lachen müssen 😂👍🏼

    Ich als mehrfache Hundemama…. kicher… kleiner Scherz.

    Dieses ganze Getue, der Kitsch ist leider nicht zum Wohl der Hunde

    Danke für diesen wunderbaren, erheiternden Artikel

  3. Ja, ich erkenne mich wieder, leider auf beiden Seiten. Mein Hund ist todkrank und ich steh als Hundemama etwas neben mir. Ich hoffe aber sehr, das ich nicht auf die gruselige Idee komme, RIP Nachrichten und Regenbogenbrücken auf meine FB Seite zu veröffentlichen. Denn das finde ich nicht nur schrecklich, sondern auch schrecklich kitschig…

  4. Im Vergleich von der Grösse her, ist ein Hundeherz kleiner wie ein Menschenherz, aber vom Gefühl her sind die Hundeherzen um sehr vieles grösser als manches Menschenherz!!!!!!

  5. Wie wohltuend, dieser Artikel!
    Seit 4 Wochen suche ich nach einem kleinen Hund von einem seriösen Züchter! Was da auf den Seiten eingestellt wird ist wirklich teilweise widerlich bis zum ….
    Die Hunde werden völlig vermenschlicht dargestellt.
    Die Lust nach Rassehund ist mir vergangen.
    Jetzt durchkämme ich die Tierheime und werde hoffentlich fündig.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here