Welpen- und Junghundeerziehung: Höher, schneller, weiter

Die Welpenzeit ist prägend für das weitere Leben. Leider vergessen viele Hundebesitzer das Wesentliche: Statt Förderung droht Überforderung!

Junghund

Vor gar nicht allzu langer Zeit sah ich ein Video in einem bekannten sozialen Netzwerk. Eine Züchterin bereitete ihren Welpen für das weitere Leben vor. Und so wurde der 6 Wochen (!) alte Welpe fröhlich in die Form des richtigen Sitzens und richtigen Stehens gebracht, kommentiert und belohnt. Und als der Hund pfötelte, wurde dies natürlich direkt ebenfalls kommentiert und belohnt. Während es mir den Magen zusammenzog, erntete das Video durchweg Herzchen und Beifallsklatscher. „Früh übt sich wer ein Meister werden will.“, hieß es, während ich mir fassungslos das Video ansah. Das Training sei besonders gut für diesen Hund, weil er so dominant sei, stand im Begleittext zu dem Video. Und tatsächlich biss der Welpe immer wieder in die ihn formenden Hände und alberte zwischendurch herum. Auf meine Bedenken hin wurde ich aufgeklärt, dass der Hund sich in den USA befindet, wo bereits 8 Wochen alte Welpen ausgestellt werden. Dies müsse also geübt werden.

Frühförderung oder Überforderung bei Welpen?

Alles also halb so schlimm? Korrekte Frühförderung? Bin ich überempfindlich?

Turnier Auszeichnung Hund
Welpen Frühförderung – ein Garant für Erfolg?

Ähnlich wie in der Kindererziehung, in der ganz im Sinne der Frühförderung, die Kinder bereits volle Freizeitpläne haben, während das freie Spiel völlig außen vor gelassen wird, scheinen auch unsere Hunde zunehmend Beschäftigungsprogramme zu bekommen, die bereits sehr früh ansetzen. Welpen-Agility, Tricks, Unterordnung – der Welpe wird immer häufiger früh beschäftigt. Immerhin soll er ausgelastet sein und besonders viel können. Vergessen wird dabei aber das Wesentliche: Die Erziehung und die Begleitung einer sich entwickelnden Persönlichkeit.

Und so kommen immer mehr Hunde in Hundeschulen und Tierheime, die allerlei Können, aber zunehmend überfordert und oft schlicht und ergreifend unerzogen sind. In dem Video war es dabei gar nicht das Ausstellungstraining, was mir Bauchschmerzen bereitete. Bauchschmerzen bereitete mir, dass die Züchterin dem Hund in einer kurzen Sequenz bereits 2 Kommandos beibringen wollte. Bauchschmerzen bereiteten mir das hektische Handling und das mangelhafte Timing der Belohnung. Bauchschmerzen bereitete mir, dass dieser Welpe bereits als „dominant“ galt. Bauchschmerzen bereitete mir, dass man anscheinend davon ausgeht mit Kommandos „Dominanz“ entgegen wirken zu können. Bauchschmerzen bereitete mir, dass der Welpe sich überfordert zeigte und irgendwann anfing die Pfote zu geben, um bei der Züchterin ‚gut Wetter zu machen‘ und sie dies direkt als Anlass nahm, das dritte Kommando in der Sequenz aufzubauen und es dann auch sofort abfragte, was der Welpe – oh Wunder – noch gar nicht zeigen konnte. Bauchschmerzen bereitete mir, dass dies keiner sah und stattdessen noch applaudiert wurde. Muss ein Hund, der vor grade mal 6 Wochen aus der Mutter heraus gekommen ist und seit ca. 2 Wochen überhaupt erst halbwegs laufen kann, bereits drei Kommandos lernen? Was macht es mit dem Hund, wenn auf so etwas Wert gelegt wird? Was macht es mit dem Hund, wenn währenddessen auf sein Ausdrucksverhalten keine Rücksicht genommen wird?

Welpenzeit: Die Anfänge

Meiner Erfahrung nach ist dies kein amerikanisches Phänomen, sondern eine typische Erscheinung in der heutigen Hundeerziehung. Höher, schneller, weiter ist die Devise. Der Hund bleibt dabei viel zu oft auf der Strecke.

Hund sitzt im Herbst auf bunten Blättern
Die Welpenzeit ist wichtig für das weitere Leben.

Die Welpenzeit ist prägend für das weitere Leben des Hundes. In der sogenannten Sozialisierungsphase des Hundes bildet sich ein großes Netzwerk im Gehirn. Neuronale Verknüpfungen werden hier schnell gemacht und jede Erfahrung hinterlässt einen neuen Knotenpunkt. Auch das Lernen beruht auf neuronalen Verknüpfungen. Und so lernt der Hund in dieser Zeit sehr schnell neue Kommandos. Hinzu kommt, dass der Welpe noch leicht zu motivieren ist. Bestimmte Motivationen (w.z.B. Sexualverhalten), die später erschwerend hinzukommen, sind noch gar nicht oder kaum vorhanden.

Die meisten Welpen folgen ihren Besitzern ohne Probleme auch ohne Leine, denn das alleinige Erkunden der Umgebung, ist noch nicht angesagt. Und so passiert es schnell, dass den Kleinen einiges beigebracht wird. Sie bieten es schließlich an und erlernen es scheinbar mühelos. Und es macht Spaß – mehr Spaß als etwas beizubringen, was der Hund nicht so gut kann. Fehlverhalten lässt sich dank fehlender Ernsthaftigkeit des Hundes und seiner Größe gut managen. Er kann nicht gut warten und bellt, während man sich unterhält? Kein Problem, dann kommt er halt auf den Arm. Er will hinter allen Bewegungsreizen hinterher? Kein Problem, die Leine hält ihn ja ab. Er will zu jedem Artgenossen stürmen? Kein Problem, man kann ihn ja einfach hinlassen, damit er Sozialverhalten lernt. Der Hund ist ja noch jung, niedlich und überhaupt will er ja einfach nur spielen.

Junghundezeit: Die Folgen

Und so kommt es, dass die jungen Hunde zwar Sitz, Platz, den Rückruf, allerlei Tricks, apportieren und hundesportlichen Kram erlernen, aber andere Dinge vernachlässigt werden. Dies fällt spätestens in der Junghundezeit vielen Besitzern auf die Füße. Dank hormoneller Veränderungen und den damit einsetzenden Umbaumaßnahmen des Gehirns sind die Hunde plötzlich anders. Kommandos scheinen teilweise vergessen zu werden, der Hund probiert sich aus und sucht nach Grenzen, um seinen Platz in der Gruppe zu finden. Nicht nur jagdliches Interesse wird nun ausgebaut, auch das andere Geschlecht wird zunehmend spannend und das Territorium wird plötzlich wichtig. Die Umgebung wird zunehmend eigenständig erkundet und der Halter hat schnell das Nachsehen, wenn der eigene junge Rüde eine nette Hündin erblickt … Statt niedlich ist der Hund nun vor allem eines: anstrengend.

Höher, schneller, weiter wird nun auch schnell das Kredo des Hundes – allerdings nicht in dem Sinne, wie es der Mensch gerne hätte. Was bringt es, wenn ein Hund eine Rolle auf Befehl, aber beim Anblick von interessanten Dingen sich nicht einmal mehr auf den Popo setzen kann? Was wird der Hund wohl für Rückschlüsse ziehen, wenn er gelernt hat, dass auf seine Unsicherheiten nicht Rücksicht genommen wird? Wie wichtig sind ihm wohl noch die Leckerchen, wenn ein Konkurrent auftaucht?

Formalismen statt Kompetenzen?

Shiba Inu knurrt
Angemessenes Sozialverhalten muss auch Teil der Grunderziehung sein.

Anstatt dem Hund Kompetenzen mitzugeben, wurde sich auf Inhalte und Ausführungen konzentriert. Es wundert nicht, dass es gefühlt immer mehr Hunde gibt, die sich trotz Hundeschulbesuchen und belesenen Besitzern, die eigentlich alles richtig machen wollen und sich Mühe geben, völlig grenzenlos und überfordert zeigen. Vor einiger Zeit habe ich einen jungen Rüden kennen lernen dürfen, der zwar bei seinen sichtlich bemühten Besitzern gelernt hat den Futterbeutel zu apportieren, Kommandos, Tricks und sogar das Laufen an Inlinern und Fahrrad kannte, der aber nicht gelernt hat, dass man seine Zähne nicht in Menschen vergraben darf, wenn einem etwas nicht passt …

An dieser Stelle wird es gefährlich. Wenn der Hund erwachsen ist, steht er mit einer voll entwickelten Persönlichkeit da. Alles was man gefördert und alles was man ignoriert hat, ist nun Teil des Hundes. Sicherlich ist auch hier ein Umlernen möglich, aber es dauert länger, erfordert viel Durchhaltevermögen und Konsequenz vom Menschen. Gemachte Erfahrungen sind nicht löschbar. Tendenzen bleiben auch bei gutem Training oft erhalten.

Sich Zeit für die Basis zu nehmen, ist anscheinend aus der Mode gekommen. Es scheint auch für die Menschen viel spannender zu sein, was man dem Hund wie beibringen kann, anstatt einfach mal zu sehen, wer da vor ihnen steht. Kein Hund ist ein weißes Blatt. Was bringt er an Kompetenzen mit? Was muss er erlernen für ein gelingendes Miteinander? Was ist eigentlich wichtig, damit der Hund auch bei hoher Ablenkung noch gehorsam ist?

Auslastung statt Erziehung

Ball Welpe spielen
Auslastung spielt schon in der Welpenzeit bei vielen Haltern eine wichtige Rolle.

Fatalerweise wird der heranwachsende Hund statt ihm die Basis zu vermitteln „ausgelastet“. Der nicht ruhen könnende Hund wird mit Bällchen und allerlei Auslastungsprogrammen bespaßt, in der Hoffnung, dass dies nun endlich die Probleme löst. In Tierheimen sieht man als Resultat oft 1 ½ jährige Hunde in der Vermittlung. Hunde, die nie gelernt haben Ruhe zu geben. Hunde, die nie gelernt haben, dass es auch Regeln im sozialen Miteinander gibt. Hunde, die nie gelernt haben, Frust zu ertragen. Hunde, die nie gelernt haben, sich zurück zu nehmen. Hunde, die nie gelernt haben, dass der Mensch Orientierung und Anker in der reizvollen Welt ist.

All dies lernt der Hund nicht, indem man ihm zig Kommandos beibringt. Zumal die zig Kommandos oft nicht wirklich sauber aufgebaut werden. Eine deutliche Unterscheidung zwischen Sitz und Platz, ein Liegenbleiben auch unter Ablenkung, ein Abruf von wirklich spannenden Dingen, ein Verbleiben auf der Decke im Haus, wenn Besuch kommt – Kommandos, die durchaus ihre Berechtigung und ihren Nutzen im Alltag haben, werden oftmals gar nicht gezielt trainiert. Und selbst wenn auch die geübt werden, benötigt der Hund dafür Kompetenzen. Seine Impulse zu kontrollieren, Frust zu ertragen, dem Menschen zuzuhören auch in hohen Reizlagen sind nur ein paar der nötigen Voraussetzungen, damit der Hund das gewünschte Kommando überhaupt ausführen kann.

Das Wesentliche: Die Persönlichkeitsentwicklung

Statt höher, schneller, weiter, plädiere ich für Entschleunigung und die Konzentration auf das Wesentliche in der Welpen- und Junghundezeit. Wir begleiten kleine Persönlichkeiten in der Entwicklung, an der wir auch maßgeblich Einfluss haben. Anstatt zu fragen, wie man eine Rolle und das Pfötchen geben trainiert, sollte man sich fragen, wie man dem Hund beibringt, dass er Frust ertragen und sich selbst kontrollieren lernt. Anstatt ihn auslasten zu wollen, sollte man sich fragen, wie man dem Hund helfen kann, dass er sich konzentrieren und auch ruhen kann. Anstatt zu überlegen, wie man dem Hund die Leinenführigkeit vermittelt, sollte man sich fragen, was der Hund dafür an Kompetenzen und Fähigkeiten benötigt, um dies überhaupt zu leisten. Dafür muss ich auch meinen Hund kennen. Ich muss um seine Stärken und Schwächen wissen, um ihn entsprechend erziehen zu können.

Immer langsam! Der Faktor Zeit

Junghund Platz
Ein Platz auf schwierigem Untergrund – eine sinnvolle Übung, die langsam aufgebaut werden sollte.

Damit Gelerntes auch haften bleibt, sind Pausen notwendig. Neue Kommandos lernt der Hund am besten in ablenkungsarmer Umgebung in kurzen Sequenzen mit darauf folgender Ruhephase – ein Kommando reicht dabei. Ablenkungen sollten danach erst schrittweise erhöht werden. Für ein angemessenes Training braucht es Zeit.

Zeit benötigt es auch, dass der Hund viele Erfahrungen im sozialen Bereich machen kann. Das Kennenlernen anderer Hunde und das Erlernen der Feinheiten hündischer Kommunikation sind wichtig für angemessenes Sozialverhalten (was nicht konfliktfrei bedeutet). Und auch das Bezugnehmen auf den Menschen, als grundsätzlicher Orientierungspunkt, der Halt, Sicherheit und Führung verspricht, muss gelernt werden. Statt von Hundeplatz zu Hundeplatz zu hechten, kann man mit dem Hund den Wald erkunden. Gemeinsam im Laub graben, über Baumstämme balancieren, Wild beobachten – die Umwelt bietet so viele Möglichkeiten, die den Hund fordern und den Menschen dazu bringen können, sich selbst als Sozialpartner ins Spiel zu bringen und dem Hund das angemessene und erwünschte Verhalten zu vermitteln. Gleichzeitig kann auch er den Hund besser kennenlernen. Wie reagiert er auf bestimmte Reize in der Umgebung? Ist er ein selbstständiger Typ oder geht sehr vorsichtig in die Welt hinaus? Ist er gelassen oder fährt er schnell aus der Haut? Was ist ihm wichtig? Wo benötigt der Hund Unterstützung? Und wo muss man ihn bremsen? Woran erkenne ich eigentlich Stress, Überforderung und Unsicherheit? Und was muss ich tun, um dies dem Hund zu nehmen? Muss ich das ihm immer alles abnehmen oder gibt es Erfahrungen, die er auch selbst machen muss?

Die Entwicklung unserer jungen Hunde ist enorm spannend. „Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht“. Entwicklung benötigt Zeit und unsere Unterstützung. Ein Umdenken ist gefragt – ein Umdenken in den Köpfen der Hundebesitzer. Ein Umdenken bei den Professionellen, die mit Hunden arbeiten. Ein Umdenken, das unseren Hunden zu Gute kommt.

Autorin: Nina Dany

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