Leserbrief als Mahnung für alle im Ausland helfende Tierschutzvereine

Blätter

Uns erreichte ein Leserbrief – offener Brief – von einer der Redaktion namentlich bekannten Person, welcher eine Mahnung für alle Vereine sein soll, die im Ausland helfen und als Aufklärung für jeden diesen soll, der sich einen Hund aus dem Ausland holen möchte oder bereits besitzt.

[hr]

Sehr geehrter Tierschutzverein,

der Anlass ist ein trauriger, dass ich Sie anschreiben muss. Leider ist ein Hund, den Sie vermittelt haben, nach langem Kampf gestorben. Das hätte nicht sein gemusst, wenn Sie richtig gehandelt hätten. Wir sind alle außer uns vor Schmerz, Trauer, Verzweiflung und Wut. Wut darüber, dass unter dem Deckmantel des Tierschutzes so etwas geschehen musste.

Als meine Mutter einen Hund suchte (es sollte ihr erster sein), durchforstete sie natürlich das Internet. In einer Kleinanzeige fand sie eine Hündin, deren Beschreibung passte. Lucy (Anmerkung der Redaktion: Name geändert) sollte es werden. Als junge Hündin kam sie aus Ungarn nach Deutschland und war bereits zwei Mal vermittelt. Da sie einen Unfall hatte, musste ihr ein Hinterbein amputiert werden. Hinzu kam eine kastrationsbedingte Inkontinenz. Das konnte meine Mutter allerdings gar nicht abschrecken. Auf der Pflegestelle hüpfte uns ein unglaublich lebensfroher Hund entgegen. Es war Liebe auf den ersten Blick und so zog Lucy zu meiner Mutter.

Fortan begleitete ich die Beiden. Ich zeigte meiner Mutter, wie sie es schafft den Hund zurückzurufen, wie toll Lucy einen Futterbeutel apportieren kann und wie sie mit der Unsicherheit von ihr gegenüber fremden Hunden und Männern umgehen sollte. Nicht nur meine Mutter machte das großartig. Auch Lucy entwickelte sich prächtig. Sie wurde zusehends sicherer, tobte auch mit meinen Hunden begeistert über die Wiesen, hörte auf Zuruf, jagte nicht und war einfach nur lieb.

Da störte es auch nicht, dass sie ein „Montagsmodell“ war. Das kostete zwar viel, aber wir haben es gerne in Kauf genommen. Die Inkontinenz-Medikamente schlugen nicht an. Darauf folgten Blasen- und Scheidenentzündungen. Dann hatte sie Durchfall. Beim Tierarzt wurden Einblutungen in der Haut festgestellt und die Tierärztin tippte auf eine Vergiftung. Lucy überstand scheinbar auch das. Immer wieder blutete der Hund aus dem Maul. Meine Mutter tippte auf die Kausachen, die sie womöglich am Zahnfleisch verletzt haben. Es hörte auch immer wieder schnell auf. Große Sorgen haben wir uns nicht gemacht. Der Hund war schließlich fit.

Vor wenigen Wochen wurden die Blutungen am Zahnfleisch stärker. Wir dachten an Zahnprobleme und es ging wieder mal zum Tierarzt. Die Tierärztin konnte nichts feststellen. Beiläufig erwähnte sie, dass man ja auch auf Mittelmeerkrankheiten testen könne-immerhin käme der Hund aus Ungarn, auch wenn das schon länger her sei. Der Test wäre aber sehr teuer und meine Mutter solle das erstmal weiter beobachten. Aber meine Mutter wollte diesen Test machen lassen. „Dann wissen wir wenigstens was dieser Hund nicht hat-ist doch schließlich unser Montagsmodell“. Alle lachten.

Am Donnerstag kam das Ergebnis. Und von da an ging es sehr schnell. Lucy hatte Anaplasmose und Babesiose. Gegen die Anaplasmose bekam sie direkt ein Medikament. Die Medikamente gegen Babesiose sind hier in Deutschland nicht zugelassen und sind nur selten vorrätig bei den Tierärzten, weswegen das Medikament aus dem Ausland bestellt werden musste. Lucys Zustand verschlechterte sich rapide. Sie bekam Fieber, war teilnahmslos und blutete immer stärker aus dem Maul. Nachts fuhren wir noch in eine Tierklinik in der Lucy das Mittel bekam. Sie durfte danach wieder nach Hause, da die Blutwerte „noch ok“ waren. Trotzdem wurde es immer schlimmer. Es kam ein seltsamen Kopf-Schlagen hinzu, schweres Atmen, außerdem blutete der Hund nun auch noch aus dem After und einem Auge. Wieder ging es in die Tierklinik. Aufgrund eines unsererseits vermuteten Versäumnisses der behandelnden Tierärztin ging es wieder nach Hause. Als am Montag Lucy auch nicht mehr fressen wollte, ging es wieder in die Tierklinik. Ein erneutes Blutbild zeigte, dass Lucys Thrombozyt-Wert bei 2 lag! Es bestand akute Lebensgefahr.

Nun lag Lucy in der Tierklinik und es wurde um ihr Überleben gekämpft. Sie bekam Bluttransfusionen, Infusionen und hoch dosiertes Cortison. Auch diese Behandlung war wieder sehr teuer, aber wir bezahlten das ohne zu Murren. Lucy war ein Familienmitglied und wir kämpften um sie. Wir haben diesen Hund geliebt und solange es auch nur den Hauch einer Chance gab, haben wir alles getan, was möglich war. Lucys Prognose war sehr schlecht. Die meisten Hunde überleben diesen akuten Verlauf nicht.

Trotzdem war immer die Hoffnung da. Als Lucy keine Thrombozyten mehr im Blut hatte und sich ihre Werte weiter verschlechterten, fuhren wir wieder in die Tierklinik und holten sie nach Hause. Es wurde uns keine große Hoffnung mehr gemacht, aber zum Einschläfern war sie schlicht und ergreifend zu fit. Die Behandlung wurde Zuhause natürlich weiter geführt. Wir riefen Spezialisten an, konsultierten auch noch eine Tierheilpraktikerin und hofften immer noch. Ihr Zustand verbesserte sich, allerdings nicht die Blutwerte. Sie fing wieder an zu bluten und wurde sehr ruhig. Als die Tierärztin nach Hause kam, um sie auf die letzte Reise zu schicken, schlug ihr Herz nur noch schwach. Das hielt sie natürlich nicht davon ab, den Besuch erst einmal bellend anzukündigen und sich über die streichelnden Hände zu freuen. In den Armen meiner Mutter schloss sie ihre Augen das letzte Mal.

Die kleine tapfere Lucy ist tot. Mit 4 Jahren ist sie viel zu früh von uns gegangen. Nur ein halbes Jahr durfte sie bei meiner Mutter leben. Nur wenige Monate hatten die beiden zusammen, wuchsen aneinander und waren ein wunderbares Team. Es hätte so schön werden können. Sie hätte auch noch zehn weitere Jahre an der Seite meiner Mutter über ihr geliebtes Feld hüpfen können. Sie könnte heute noch mit meinen beiden über die Wiese toben. Aber das ist nicht mehr. Sie kommt nicht zurück. Der Schmerz ist überwältigend.

Ich schreibe das alles so ausführlich, weil ich möchte, dass Sie wissen, was für ein Martyrium wir durchlitten haben. Wir sind hunderte von Kilometer gefahren und haben viele Tränen vergossen (und tun es immer noch). Können Sie sich vorstellen, wie es ist seinen Hund beim Verbluten zuzusehen? Können Sie sich vorstellen, wie es ist, seinem Hund nach 6 kurzen Monaten beim Sterben zuzusehen und man kann NICHTS tun? Können Sie sich unsere Hilflosigkeit, unsere Verzweiflung, unsere Trauer vorstellen?

Und dazu kommt diese Wut. Mittlerweile haben wir uns informiert. Wir hätten dies früher tun sollen, aber ich dachte bei „Mittelmeerkrankheiten“ immer an das Mittelmeer und nicht an den Plattensee. Meine Mutter ist Ersthundehalterin – woher sollte sie von den Gefahren des Auslandstierschutzes wissen? Jetzt wissen wir es besser. Jetzt wissen wir, dass in Ungarn die Babesiose nicht selten, sondern häufig ist. Jetzt wissen wir, dass die Anaplasmose dort ebenfalls stark verbreitet ist. Jetzt wissen wir, dass die von dort stammenden Tiere häufig eine chronische Verlaufsform haben und unentdeckt hier leben, krank werden, sterben und natürlich als Träger fungieren. Auch für die hier lebenden Hunde werden diese importierten Tiere so zu einem Risiko. Diese Erkrankungen werden von Zecken übertragen. Hat das infizierte Tier eine Zecke, die abfällt und dann auf einen anderen Hund geht, kann sich jeder vorstellen, was mit diesem Tier passiert.

Uns gegenüber wurde nichts erwähnt. Sie importieren schon seit Jahren Hunde aus Ungarn, arbeiten mit dem Tierschutz vor Ort zusammen und müssen über diese Krankheiten wissen. Sie hätten uns aufklären müssen! Sie hätten Lucy auf diese Krankheiten testen lassen müssen! Hätten sie das getan, dann hätte man direkt behandeln können und Lucy hätte eine sehr gute Prognose gehabt. Sie hätte nicht in die Tierklinik gemusst, sie hätte keine Transfusionen gebraucht, sie hätte nicht um ihr Überleben kämpfen müssen, sie wäre jetzt nicht tot!

Sie sind mitverantwortlich an dem Leid, das Lucy und wir erfahren haben! Die Überlebenschance bei Babesiose hängt empfindlich von deren frühzeitigem Erkennen ab. Ich bezweifle stark, dass sie ahnungslos waren. Ich denke eher, dass sie diese Krankheiten in Kauf nehmen. Hauptsache importieren, vermitteln, bezahlt werden und die nächsten Tiere ran karren. Das ist kein Tierschutz! Jeden einzelnen infizierten Hund schicken Sie so in den Tod. Und sie nehmen den Tod anderer hier lebender Hunde dabei billigend in Kauf. Genauso nehmen sie das Leid der Hundehalter in Kauf. Das Leid von Kindern, die ihrem neuen Partner beim Sterben zusehen dürfen. Das Leid der Familien, die um ihre Lieblinge kämpfen und dann doch verlieren.

4 Jahre war der Hund erst alt. 6 Monate war sie nur bei uns. Es ist ungerecht, grausam und nur schwer zu ertragen. Am Unerträglichsten ist es, dass all das hätte verhindert werden können. Ein simpler Test hätte ausgereicht, um all das zu verhindern. Meine Mutter hätte ohne Wenn und Aber den erforderlichen Check auf Mittelmeerkrankheiten bezahlt, wenn sie es denn gewusst hätte.

Dieser Brief wird veröffentlicht. Nicht um Sie anzuprangern. Er soll eine Mahnung sein für alle Vereine, die im Ausland helfen. Ihr Verein ist nicht der einzige, der über diese Risiken nicht aufklärt. Er soll als Aufklärung dienen für jeden, der sich einen Hund aus dem Ausland holen möchte oder bereits besitzt. Bitte, lasst eure Hunde testen und fragt bei den Tierschutzvereinen nach, ob die Hunde getestet sind, wenn ihr euch für ein Tier interessiert. Der Mittelmeercheck kostet zwar einiges. Die Behandlungskosten für ein akut erkranktes Tier, sind aber ungleich höher. Lucys Behandlungskosten waren zwanzig Mal so teuer, wie der Test auf Reisekrankheiten. Leider schrecken die Kosten des Tests immer noch viele Hundehalter-dem Hund geht es ja augenscheinlich gut. Diese Krankheiten können wie bei Lucy unentdeckt lange bestehen. So viel sollte euch euer Hund wert sein, dass ihr das Geld ausgebt. Und selbst wenn das nicht der Fall ist – eventuell schrecken ja die Behandlungskosten genug ab. Niemand hat das verdient, was wir durchleiden mussten. Kein Hund hat das verdient, was Lucy durchgemacht hat. Sie ist tot. Es wäre vermeidbar gewesen. Niemand kann uns unser Familienmitglied wieder bringen. Aber es bleibt die Hoffnung, dass unsere Geschichte Andere aufrüttelt. Lucys Tod soll nicht umsonst gewesen sein.

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