Die moderne Hundeerziehung: Wattebäuschchenwerfer, Wissenschaft, Shitstorms und Moral kritisch hinterfragt

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Border Collie an der Leine
Platz 1: Die moderne Hundeerziehung: Wattebäuschchenwerfer, Wissenschaft, Shitstorms und Moral kritisch hinterfragt

Direkt zu Anfang möchte ich ein kleines Gedankenexperiment machen. Man stelle sich vor, man wäre plötzlich in China und ist konfrontiert mit Menschen, die eine völlig andere Sprache sprechen sowie einen vollkommen anderen kulturellen Hintergrund haben.

Man weiß nicht, was sich in dieser Welt nun gehört und was nicht. Man kennt die Gepflogenheiten schlicht und ergreifend nicht und ist darauf angewiesen, dass die anderen Menschen einem zeigen, was man tun darf und was nicht. Um den nächsten Menschen, der nett aussieht, nun zu begrüßen, streckt man ihm die Hand aus. Dieser ignoriert einen völlig. Für einen Menschen, der auf eine soziale Gemeinschaft angewiesen ist, ist dieses Verhalten eine sehr einschneidende Erfahrung. Dann nimmt man die Hand zurück und schwupps – bekommt man einen Brocken Schokolade zugeworfen.

Total abwegig? Für manch Hund ist das Alltag.

Wieder in Deutschland: Auf dem Kinderspielplatz sitzen der kleine Kevin und Jaqueline zusammen im Sandkasten. Jaqueline ist heute nicht gut drauf. Vielleicht hat sie ernsthafte Probleme zuhause oder vielleicht ist sie nur ein Kind, dass mal die Grenzen testen möchte. Wie auch immer – Jaqueline nimmt Kevin den Spieleimer weg. Kevin reagiert natürlich dementsprechend angefressen. Er nimmt seine Schaufel und haut Jaqueline auf den Kopf.

Jaqueline heult und Kevin macht weiter. Irgendwann wird es Kevin zu doof, weil die blöde Jaqueline immer noch nicht den Eimer raus rückt. Er hört mit dem Schlagen auf. In dem Moment ertönt ein lautes „Suuuupeeeeeeer Feiiiiiiiiiiiiin“ und der Kevin bekommt ein Bonbon in den Mund geschoben. Wer würde das als Erziehung bezeichnen? Unter Hundehaltern durchaus eine mittlerweile übliche Begebenheit, wenn man Kevin und Jaqueline als Hunde sehen würde, der Spieleimer ein Ball wäre und das Bonbon ein Leckerchen.

Für den „Otto-normal-Hundehalter“ völlig abwegige Gedankengänge. Für die moderne Hundeerziehung dagegen völlig normal.

Die neue moderne Hundeerziehung

Schäferhund-Husky-Mix ist sich nicht sicher
Was Schnuppe wohl sagen würde, wenn sie wüsste was für ein Brimborium um den Hund gemacht wird? Wahrscheinlich: Die spinnen doch die Menschen.

Es hat sich eine Richtung in der Hundeerziehung heraus gebildet, die genau das propagiert. Berufen wird sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und die Haltung der völligen Ablehnung von Gewalt.

Hunde werden ausschließlich mit positiven Verstärkern (sprich Lob, Spiel, Futter oder was der Hund sonst so gerne macht) erzogen und bei jedem Verhalten soll ein Moment sein, den man verstärken kann, um das Verhalten modifizieren und kontrollieren zu können. Hört sich schlüssig an und ist für jemanden, der Hunde hält, durchaus reizvoll.

Wer will schon mit dem geliebten Familienmitglied schimpfen? Wer findet es schon toll, wenn der Hund einen mit diesen großen traurigen Augen ansieht und sich auf seine Decke verzieht? Wer möchte nicht nur lieb zu seinem treuen Vierbeiner sein, den man so sehr liebt?

Als interessierter Hundehalterin, der sich mit Wissenschaft auseinandersetzt, die wissenschaftliche Arbeit können muss, sich selber als friedlich bezeichnen würde und seine Hunde liebt, habe auch ich mich natürlich mit dieser neuen Richtung auseinandergesetzt. Auch ich lehne „Gewalt“ in der Erziehung ab und fand die Ansätze dieser neuen Richtung gar nicht mal so schlecht.

Die Theorie der modernen Hundeerziehung

Fangen wir mit der Theorie an. Es wird sich auf „moderne wissenschaftliche Erkenntnisse“ berufen, die das eigene Handeln legitimieren. Eigentlich schon per se ein Totschlag-Argument, denn die Wissenschaft hat doch immer Recht. Wenn man etwas von wissenschaftlichen Arbeiten weiß, gilt dieses Argument dagegen nicht mehr.

Insbesondere wenn man in der Forschung arbeitet und sich mit wissenschaftlichen Fachdiskussionen auseinandersetzen muss, weiß man, dass die Wissenschaft eben nicht immer einfach Recht hat. Es gibt zu jedem Thema verschiedene Studien und Experimente und wie man die gemachten Beobachtungen, beziehungsweise Erkenntnisse bewertet, ist von Wissenschaftler zu Wissenschaftler völlig verschieden.

Man hat mit Aussagen zu tun, die sich schlicht und ergreifend auch widersprechen. Studien widersprechen sich. Experimente widersprechen sich und die Aussagen der Theoretiker widersprechen sich. Nun würde man sich von diesem Punkt aus wünschen, dass offen gelegt würde, welche moderne Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die Basis für diese moderne Hundeerziehung nun die Grundlage bilden.

Gerne würde ich diese Studien und Experimente näher betrachten. Sehen, ob die wissenschaftlichen Maßstäbe an solchen Arbeiten eingehalten wurden und die Gütekriterien alle zutreffen. Nur etwas als Wissenschaft zu bezeichnen, ist noch lange keine seriöse Wissenschaft. Bis heute ist man mir diese Antworten schuldig geblieben. Ich gehe auch davon aus, dass die wenigsten Anhänger der modernen Hundeerziehung überhaupt wissen, wovon sie bei solchen Dingen reden – sonst wäre eine sachliche Fachdiskussion schließlich auch möglich.

Im Grunde genommen wird letzten Endes immer wieder auf die Theorien der operanten und klassischen Konditionierung verwiesen. Nun sind die Theorien 100 beziehungsweise 50 Jahre alt. Kann man das ernsthaft als „neue wissenschaftliche Erkenntnisse“ bezeichnen?

Auch Verweise auf andere Experimente und Studien, die aktueller sind, leiden unter einen sehr unterschätzten Einschränkung: Die biologische Verhaltensforschung kann nicht „in den Hund hineinsehen“. Sie zieht Rückschlüsse aus dem Verhalten, aufgrund einer bestimmten Bedingung innerhalb eines Labors. Die Homogenität der untersuchten Hunde und die klinischen Laborbedingungen sind für die Forschung wichtig. Dies macht eine Übertragung auf den Alltag mit einem völlig anderen Hund unter völlig anderen Umständen jedoch schwierig. Eins zu Eins diese Erkenntnisse zu übernehmen und als Grundlage für ein ganzes Konzept zu nutzen, ist dementsprechend viel zu kurz gedacht.

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Wissenschaft und normative Aussagen

Als jemand der sich mit der Wissenschaft auseinandersetzt, bin ich auch von den stark normativen Aussagen erstaunt. Sowohl die Lerntheorien, als auch sämtliche sonstige wissenschaftliche Theorien machen niemals normative Aussagen. Sie machen grundsätzlich deskriptive Aussagen, die beschreiben. Sie beschreiben zum Beispiel, was bei der Versuchsbedingung A für ein Verhalten zu erwarten ist. Jedoch wird man niemals die Folgerung finden, sich „deswegen immer so und so zu verhalten“. Ein „Soll“ ist normativ und somit nicht mehr wissenschaftlich. Somit ist die Begründung „man soll Hunde niemals strafen“ moralisch und nicht wissenschaftlich. Warum ich einen Hund nicht strafen darf, erschließt sich mir in diesem Zusammenhang überhaupt nicht.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die völlige Negierung von Studien, Beobachtungen und Experimenten, die einen völligen Gegensatz zu dem bilden, was diese Leute eigentlich propagieren. Zur Erklärung: Meide- und Stressverhalten wird in der modernen Hundeerziehung nicht mehr gerne gesehen. Der Hund fühlt sich offenbar ja „schlecht“ und das möchte man nicht. Somit soll er auch bloß nie in die Bedrängnis kommen zu „beschwichtigen“.

Beschwichtigung? Nein, sie hat nur grade etwas Leckeres gefunden.
Beschwichtigung? Nein, sie hat nur grade etwas Leckeres gefunden.

Da denke man an die Beobachtungen von Bloch, der bei seiner Studie an verwilderten Haushunden gut zeigen konnte, dass so manches „Beschwichtigungssignal“ in den meisten Fällen einfach eine normale Geste ist, die gar nicht so häufig in der Kommunikation gezeigt wird.

Ein gähnender Hund ist eben häufig auch nur ein müder Hund. Oder man denke an die Studie, bei der man heraus gefunden hat, dass ein Hund, der über Teletak und Stachelhalsband ein Abbruchsignal lernt, weniger Stress hat, als ein Hund der es nur positiv aufgebaut bekommen hat.

Ich würde da erwarten, dass einige schlüssige Argumente kommen würden, die dagegen argumentieren. Selbst mir fällt das nicht schwer, dabei gehöre ich gar nicht zu den Leuten, die immer nur positiv arbeiten. Aber diese Erkenntnisse werden völlig ignoriert und jegliche Gegenargumentation driftet ins Persönliche ab. So werden bekannte Forscher wie Herr Dr. Gansloßer diffamiert, indem gesagt wird, dass Dr. Gansloße ja nur einen Hund bisher gehalten hätte und somit gar keine Ahnung habe.

Es wäre mir neu, dass man für eine wissenschaftliche Forschung über ein Tier, bereits mehrere Tiere dieser Art gehalten haben müsste.

Auch werden andere Theorien überhaupt nicht berücksichtigt. So ist die soziale Lerntheorie bei Hunden wirklich brandaktuell. Erkenntnisse darüber gibt es schon länger, aber die Übertragung auf Hunde ist eine neue Herangehensweise. Dies wird aber ebenfalls völlig negiert, denn man selber ist kein Hund. Und da Leute, die so argumentieren, gerne ins Persönliche gehen, wird direkt gesagt dass man dem Hund ja auch nicht am Hintern schnüffeln würde. Das ist natürlich kein Argument, denn keiner würde das propagieren.

Fakt ist jedoch, dass Hunde es verstehen wenn wir sie anknurren, anstarren, uns groß machen oder mit dem Körper blocken. Hunde verhundlichen ihren Menschen permanent. Umso wichtiger ist es dabei, sich so zu verhalten, dass man auch als Mensch eindeutig genug ist, um vom Hund verstanden zu werden. Warum ich das nicht einsetzen darf, ist mir völlig schleierhaft.

Die Praxis der Hundehaltung

Nun ist alle Theorie grau und in der Hundehaltung hat letzten Endes die Praxis die größte Bedeutung. Betrachten wir die Praxis der neuen Hundeerziehung. An diesem Punkt wird es teilweise richtig absurd. Es wird mit einer „Verstärker-Hierarchie“ geschaut, was der Hund am liebsten mag. Und ja – da wird sich auf den Boden gesetzt und dem Hund Käsewürfel und Hühnerherzen entgegen gestreckt, um zu schauen was der Hund besser findet.

Es wird ein Ruckdämpfer in die Leine gemacht, wenn der Hund zieht oder ruckartig in die Leine springt. Natürlich trägt der Hund ein Geschirr – nicht dass der Hals von ihm beschädigt wird. Dass dabei eventuell ein Mensch hinterher fliegt, der sich mal eben ein paar Knochen brechen kann, wird wieder gekonnt ignoriert.

Jegliche Eingriffe beim Hund werden angekündigt. Ob es nun ein Richtungswechsel ist, ein Anleinen, ein Hochheben, ein Festhalten und so weiter. Nicht, dass der Hund sich noch erschreckt oder auch nur eine negative Empfindung hat! Dem Hund wird letzten Endes der rote Teppich ausgerollt. Anscheinend ist er der bessere Mensch.

Schon ein lautes „Nein“ ist verpönt, da man dann mit Schreckreizen arbeitet und der Hund nur aus Angst vor Strafe hört. Stattdessen wird mit der intermediären Brücke gearbeitet. Letzten Endes kann man sich vorstellen, wie jemand im Wald steht und den Hund ruft. Bequemt sich der Hund irgendwann mal dazu, sich zum Menschen zu bewegen, wird das mit einem „lalalalalala“ kommentiert um beim Menschen die Belohnung zu bekommen. Dreht der Hund auf halbem Weg um, weil er grade etwas Besseres findet, folgt natürlich keine Konsequenz. Höchstens die Konsequenz, dass der Hund das nächste Mal nicht abgeleint wird.

Das Ganze klingt wahrlich abstrus, aber ist genau die Realität. Die Grenzen dieser Form der Erziehung werden sehr schnell klar. Sobald der Hund etwas Besseres findet als die Hühnerherzen beim Menschen, wird er sich dem zuwenden. Hasen jagen ist für die meisten Jagdhunde einfach besser als das Futter beim Menschen. Und wenn sie es tun, haben sie ja auch keine negativen Konsequenzen zu erwarten. WARUM sollte der Hund also NICHT seinen Interessen nachgehen?

Natürlich wird das alles langsam aufgebaut, um später ein Verhalten zu etablieren, das auch in starken Ablenkungssituationen funktioniert. Theoretisch denkbar aber praktisch nur selten möglich. Da verwundert es nicht, wenn viele Leute, die so arbeiten ewig nur bis zu einem gewissen Punkt kommen. Ab dem Punkt, wo der Hund einen Interessenkonflikt hat, steht man machtlos da. Da verwundert es ebenfalls nicht, dass man nur selten mal das fertige Resultat sieht bei Hunden die Problemverhalten zeigen und so „umgepolt“ werden.

Der Hund als Reiz-Reaktions-Maschine?

Muss ein Hund so sein, um "glücklich" zu sein?
Muss ein Hund so sein, um „glücklich“ zu sein?

Letzten Endes wird der Hund auf eine Reiz-Reaktions-Maschine degradiert. Der Hund zeigt Verhalten A, wird belohnt und führt daraufhin Verhalten A häufiger aus. Das ist der Grundsatz, auf den sich konzentriert wird.

Was für eine einfache Gleichung, wenn unsere Hunde nicht so hoch soziale Lebewesen wären, die mit uns in einer besonderen Form der Gemeinschaft leben. Permanent machen Hunde uns soziale Angebote. Was spricht dagegen, diese Angebote auch sozial zu beantworten?

Warum sollte man an dieser Stelle mit der Konditionierung anfangen und somit Kommunikation in seiner ursprünglichen Form behindern? Man stelle sich das anfängliche China Gedankenexperiment vor – wie gerne hätte man dann jemanden, der einen an die Hand nimmt und einem die Kultur zeigt, in der man sich nun bewegen muss?

Ein strenger Blick, wenn man die Hand entgegen streckt ist natürlich im ersten Moment unangenehm. Auf lange Sicht aber wird einem viel Ungewissheit abgenommen, da man dies wenigstens verstanden hat. „Hände geben ist also nicht“ *puh* – von hier aus kann man endlich etwas sicherer weiter gehen.

Bei Hunden wird aber genau das gemacht. Sie leben permanent in einer Grauzone, ohne zu wissen was nun gewollt ist und was nicht. Latente Überforderung und Verunsicherung sind dabei die Gefahren, die ebenfalls negiert werden. Wenn man ausschließlich positiv arbeitet, zeigen Hunde so etwas angeblich nicht. Leider sieht das in der Praxis häufig völlig anders aus.

Gegen Unsicherheit und Stresssymptome wird natürlich ebenfalls wieder alles „schön geklickert“ ohne zu sehen dass der Hund einfach nur eine eindeutige Linie bräuchte, an der er sich orientieren kann.

Aggressionen

Und damit kommen wir zum nächsten Punkt, der mir immer wieder sauer aufstößt: Es wird behauptet alles könnte man positiv gestalten. Was aber tun, wenn der Hund sich aggressiv zeigt?

Meistens wird der Weg einer systematischen Desensibilisierung gegangen. Damit der Hund ein positives Gefühl bei Agressions-auslösenden Reizen, wie fremden Hunde bekommt, wird er in einem ansprechbaren Abstand gehalten und der andere Hund wird nun schön geklickert. Klappt theoretisch ganz wunderbar, wenn die Praxis sich nur an die Theorie halten würde.

Oft hat man Situationen, denen man gar nicht aus dem Weg gehen kann. Sei es weil ein Tut-Nix zum eigenen Hund hin läuft, der Abstand der „anderen Straßenseite“ nicht groß genug ist oder man als Mensch den anderen Hund zu spät sieht. Den Alltag können wir eben nicht kontrollieren. Der Hund kommt somit immer wieder in ein altes Verhaltensmuster und der Aufbau eines Alternativverhaltens wird unwahrscheinlich erschwert.

Ganz normale hündische Kommunikation-keine war danach traumatisiert. Es wurde sich wieder aufgerappelt und weiter gespielt. Nur diesmal vorsichtiger.
Ganz normale hündische Kommunikation-keiner war danach traumatisiert. Es wurde sich wieder aufgerappelt und weiter gespielt. Nur diesmal vorsichtiger. Der Grund für die Einwirkung war nämlich schlicht und ergreifend: Benimm dich, wenn du mit mir toben möchtest!

Oft kommt an dieser Stelle das Argument, man könne auch in ein negatives Verhalten wie die Aggression „rein klickern“ und der Hund würde sie so positiv erleben. Dabei wird aber ein ganz entscheidender Punkt übersehen: Wer sagt, dass der Hund Aggressionen wirklich als negativ erlebt? Das ist etwas, was die zumeist weibliche Anhängerschaft so empfindet.

Nun sind Hunde keine Menschen und nun wirklich auch keine Frauen ;) Frauen empfinden jegliche Aggressionen als deutlich negativ, weil sie in der Gesellschaft dies so erlernt haben. Frauen haben nicht aggressiv zu sein und sollen Konflikte auch nicht so lösen.

Es ist kein Wunder, dass Frauen dann dazu neigen, aggressive Konflikte anders zu lösen – und das macht auch vor dem eigenen Hund nicht halt. Jedoch können Aggressionen durchaus auch positiv erlebt werden. Die meisten Männer würden mir wohl zustimmen, wenn ich sage, dass es sehr befreiend sein kann auch mal ordentlich auf die „Kacke zu hauen“.

Ein Phänomen das man von Jugendlichen und Kindern kennt, die sich durchaus auch zum Spaß prügeln. In der Tierwelt sind Aggressionen nichts Schlechtes, sondern lediglich eine Form der Konfliktbewältigung. Zu sagen, dass eine negative Stimmung ursächlich sei für Aggression, ist also falsch. Die Gründe dafür sind vielschichtig und genau so muss man das Problem auch angehen. Eine lustvolle Aggression lässt sich nicht mit Hühnerherzen beantworten!

Die Ursache für aggressives Verhalten eines Hundes ist für Leute, die rein mit positiver Verstärkung arbeiten, nach deren Argumentation eine negative Gefühlslage des Hundes. Bei der Frage wie das zustande kommt, ist die Antwort meiner Erfahrung nach, meistens die gleiche:

Der hat mal schlechte Erfahrungen gemacht

Sei es, weil der Hund im Welpenalter von einem „Tut-nix“ überrannt wurde, von einem fremden Hund angegriffen wurde, von Fremden geärgert wurde, sich erschrocken hat, weil ein paar Jugendliche in seiner Nähe randaliert haben und so weiter.

Klar ist immer: Die Ursache für diese emotionale „Fehl-Prägung“ ist grundsätzlich außerhalb zu finden und liegt somit außerhalb der Kontrolle des Besitzers. Dabei wird oft völlig außer Acht gelassen, dass die Ursachen für Fehlverhalten komplex sind. Der Hundebesitzer spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Unsichere Hundehalter haben oft unsichere Hunde. So ist der Schock eines Angriffs auch beim Menschen sehr prägend. Übervorsichtigkeit, Trösten und Angst sind die Folge beim Menschen, die natürlich auch eine große Auswirkung auf den Hund haben.

Kontrolle als Gefahr der Persönlichkeitsentwicklung: Hunde lernen Hilflosigkeit

Aufgrund des schrittweisen Trainings und der Gefahr der „Fehl-Prägungen“ wird in stark kontrollierten Situationen trainiert. Der Hund entscheidet de fakto nichts mehr selbst. Eine Auseinandersetzung des Hundes mit einer für ihn unangenehmen Situation wird auch gar nicht gewünscht. Wie der Hund dann sich noch selbst entwickeln soll und ein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln soll, damit er in für ihn unvorhergesehenen Situationen nicht völlig aus der Bahn geworfen wird, ist fraglich.

Gewaltfreier Umgang mit dem Hund?

Nun könnte es mir eigentlich vollkommen wurscht sein, wie jemand mit seinem Hund umgeht. Weder bin ich Trainer, noch bin ich Verhaltensbiologe. Tatsächlich ist es mir bis zu einem gewissen Grad wirklich egal, wie jemand mit seinem Hund umgeht.

Solange ich keinen sehe, der meint, wie von Sinnen auf seinen Hund einprügeln zu müssen, kann durchaus jeder Handhaben, wie er es für richtig hält. Störend werden doch die „Wattebäuschchenwerfer“, wenn sie sich als Gutmenschen hoch stilisieren und andere Hundehalter vollkommen runter machen. Das fängt schon beim Selbstverständnis an.

Ein gern gesehenes Argument, warum diese Menschen so arbeiten wie sie arbeiten, ist:

Ich lehne Gewalt in jeglicher Form ab und dies tue ich auch bei der Arbeit mit Hunden

Was ist genau Gewalt? Wenn schon ein Leinenimpuls Gewalt ist, muss ich ein gewalttätiger Mensch sein. Dabei setze ich diesen gar nicht ein, um dem Hund willkürlich Schaden zuzufügen. Ich nutze diesen, um ihn durch ein „Zuppeln“ wieder aufmerksam zu bekommen. Nur weil ich jemanden auf die Schulter tippe, bin ich ja auch noch lange nicht gewalttätig. Bezeichnet wird die Arbeit über positive Verstärkung als „gewaltfreier Weg“. Das mag durchaus so sein, aber andere Wege sind auch gewaltfrei. Gewalt ist nicht eine Strafe. Durch diese Äußerung wird aber genau das suggeriert: Andere Wege sind nicht gewaltfrei.

Ein Blick der Bände spricht: Die ungestühme Annäherung des Border Collies missfällt Schnuppe.
Ein Blick der Bände spricht: Die ungestühme Annäherung des Border Collies missfällt Schnuppe.

Dabei beschränkt sich das gewaltfreie Verhalten aber auch nur auf Hunde. Wie kann es sonst sein, dass insbesondere diese Leute sich an Shitstorms (Anmerkung der Redaktion: Der Duden definiert einen Shitstorm als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht) beteiligen, die anderen Trainern einfach so die Existenzgrundlage entziehen kann?

Gewaltfrei ist dies nicht mehr. Da fragt man sich doch, ob die Menschen wirklich immer so nett mit ihren Hunden arbeiten, wie sie behaupten. Zumal ich mich doch öfter frage, was für ein Übermensch man sein muss, um immer nur positiv mit seinem Hund zu arbeiten.

Ich habe durchaus auch mal einen schlechten Tag, bei dem ich jeden angrummel der mir zu nahe kommt. Ohne Kaffee morgens bin ich völlig unausstehlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da die große Ausnahme bin? Natürlich bin ich in diesen Momenten auch mal nicht so nett zu meinen Hunden. Und da sag ich durchaus auch, dass ich ein Verhalten eben nicht wünsche. In so einer Situation suche ich nicht ewig nach dem Moment, den ich verstärken kann.

Selbst wenn ich es mir vornehmen würde – völlig und immer könnte ich so gar nicht arbeiten. Um ehrlich zu sein, denke ich dass es so auch den meisten „Wattebäuschchenwerfer“ geht. Zwischen „Sagen“ und „Handeln“ liegen immer noch große Unterschiede.

Eine offene Gesprächskultur als Grundbedingung

Eine offenere Haltung wäre jedoch genau das, was ich mir an dieser Stelle sehr wünschen würde. Auch wenn hier ein anderer Eindruck entsteht: Ich arbeite möglichst positiv mit meinen Hunden. Ich arbeite auch gerne mit dem Klicker oder einem Markerwort. Sämtliche Kommandos bringe ich grundsätzlich positiv bei. Mein Hund muss nicht hören weil „der das für mich tun soll“. Ich brezel auch keine Leine über seinen Kopf, wenn er mal nicht hört.

In der Hundehaltung ist das wichtigste für mich – Nähe, eine gute Bindung und eine vertrauensvolle Beziehung. Dies schafft man kaum über ein permanentes Meideverhalten. Meine Hunde müssen auch nicht alles können. Ich möchte keinen Hund verbiegen, damit er mir in den Kram passt. Eine stabile und eigene Persönlichkeit ist mir da sehr viel wichtiger. Trotzdem werde ich von den meisten „Wattebäuschchenwerfern“ als jemand aus dem „anderen Lager“ empfunden. Und damit bin ich schon übelsten Beleidigungen und Anfeindungen ausgesetzt gewesen.

Besonders durch diese ablehnende Haltung, wird es auch Trainern verbaut, dazu lernen zu können. Sehr vieles lässt sich tatsächlich über positive Verstärkung, sehr gut in den Griff bekommen. Damit jemand dazu lernt, ist es aber wichtig eine Gesprächskultur zu schaffen, die nicht alles Andere vollkommen ablehnt, was nicht in das eigene Weltbild passt. Der Weg der positiven Verstärkung hat Grenzen. Dies wird nur niemals öffentlich gesagt.

Herrlich unaufgeregt: 3 Hunde an der Leine.
Herrlich unaufgeregt: 3 Hunde an der Leine.

In diesem Sinne erwarte ich einen „Shitstorm“, mit Maß und Ziel. Teilt und redet über diesen Artikeln in anderen Foren, Gruppen, Blogs oder schreibt unten einen Kommentar. Versucht es aber mit einem offenen Austausch und versteckt eure Meinung nicht in Heimlichkeit.

Mir bleibt die Hoffnung, dass so manch verunsicherter Hundehalter wieder seine eigene Haltung entdeckt, auf seinen Hund achtet und auf sein Bauchgefühl hört.

Das ist doch das Wichtigste: Die eigene Authentizität, die man auch gegenüber seinem Hund so zeigen kann. Ich bin mir sicher, dass viele Probleme sich schon allein dadurch beheben lassen.

Autorin: Nina Dany

[box]This article is also available in English. Read now![/box]

333 Kommentare

  1. Hallöchen!

    Echt ein super Artikel wie ich finde. Ich denke die richtige Mischung bzw Anwendung macht es eben aus.
    Ich würde gerne in Email Kontakt mit dir treten. Wäre das möglich ? :)

    LG

  2. Ich stimme Nina zu. Wer Hunde beobachtet, merkt schnell, dass sie vieles NICHT verbal regeln, sondern nonverbal.
    Warum darf ich dann als Hundehalter dieses nicht tun.
    Aus eigenem Erleben kann ich nur sagen, dass ich mit unserem Hund in eine Situation kam, wo es mich das Leben hätte kosten können, wenn der Hund ein Brustgeschirr getragen hätte. Nur wegen des starken Zuges am Hals (den nicht ich verursacht habe), hielt der Hund inne.
    Und was ist Erziehung und was Dressur? Sitz und Platz beibringen? Dressur?
    Das ist für mich Erziehung!
    Bei unserem eigenen Nachwuchs wird das Beibringen von Danke und Bitte doch als Erziehung gewertet und nicht als Dressur und soooo verschieden ist es doch nicht.
    Unser Hund braucht eine gute Mischung aus Zuwendung und einer gewissen Härte (keine Schläge, aber ein schärferer Ton ist gemeint) und oft handelt man ja auch aus dem Bauch heraus richtig. Leider wird man nur zu oft angegiftet, wenn man seinen Hund erziehen will. Ratschläge wie diese sind doch Bullshit:
    Der Hund darf kein Halsband tragen (die Wirbelsäule wird geschädigt)
    Der Hund darf keine Leckerlis bekommen (er wird zu fett)
    Den Hund darf man nur zum Streicheln über den Kopf berühren und niemals mit dem Bein oder dem Fuß (Tritte sind nicht gemeint, sondern wirklich nur ein berühren)
    Und als Krönung: Hunde brauchen keine Leine
    Keiner soll einen Hund oder ein Kind misshandeln, aber wer sich absolut nicht einfügen will, muss eben die Konsequenzen spüren.

  3. Finde den Artikel super.
    Mittlerweile höre ich auch wieder mehr auf mein bauch und reagiere in Situationen auch ehr spontan jenachdem was angebracht ist ist es mal ein kurzes zippeln an der leine oder ich fas ihr mal ins fell wenn sies übertreibt gleichzeitig gibt s aber für super tolles verhalten zuwendung und Aufmerksamkeit oder mal was leckeres.

  4. Hallo, ich stimme vielen Dingen in diesem Artikel zu. Vor allem gefällt mir, dass er zumindest versucht nicht beleidigend zu klingen, wie es oft in ähnlichen Diskussionen schnell geschieht. Sehr schade ist, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Extreme gibt es unter Menschen immer, deshalb sind aber die Grundgedanken nicht falsch. Ein bisschen weniger Guruteam, ein bisschen mehr Nachdenken und fair bleiben und ganz viel alternative Wege und Gedanken wären schön.

    na und vor allem konstruktive, faire Diskussionen auf allen Seiten (denn es gibt mehr als nur zwei!).

    grüße
    ariane

  5. Ich möchte mich „Saphira“ anschließen. Erstens hat „moderne Hundeerziehung“ nichts mit „keine-Grenzen-Setzen“ zu tun.
    Vielmehr mit einem positiven Aufbau von alternativen Handlungsweisen – Handlungsweisen, die sowohl vom Hund verstanden werden (und ihm auch gut tun), als auch in unsere menschliche Umgebung passen. Leinenruck? Der ist nicht nur unpassend, sondern kann, wie ich gleich darlegen möchte, absolut kontraproduktiv sein. (Über die, meiner Meinung nach völlig indiskutablen Ansicht, Teletakt oder Stachelshalsband würden den Hund NICHT stressen, will ich jetzt gar nicht reden – so schlimm ist das – und nicht ohne Grund verboten!)
    Mein Hund ist Epileptiker, schon lange Zeit, das wurde allerdings nie richtig diagnostiziert. Detto wirkt sich das auf Magen/Darm aus. Stress ist daher völlig kontraproduktiv. Wir waren im Jahr 2010 bei einem Hundetrainer – ja, der meinte auch, so ein „Leinenzupfer“ wäre doch gerade bei einem Terrier (mein Hund ist ein Welsh Terrier Rüde) überhaupt nicht schlimm. Mittels dieses „Leinenzupfers“ sollte er, der bei manchen Hunden auszuckte, seine Aufmerksamkeit auch mich wenden. Dumm nur, dass neben dem Trainingsgelände eine Hundepension war – zwei mehr oder minder aggressive Schäferhunde mit inbegriffen. Ich bemühte mich damals, das, was der Trainer meinte, durchzuführen. Ich „korrigierte“ (heißt doch so schön, oder?)meinen Hund, immer wenn er bös zu diesen Schäferhunden hinschaute -und zupfte. Mit dieser Trainingsmethode bekam Aaron immer mehr Stress, immer weniger Vertrauen zu mir – bis er mich, nach einem epileptischen Anfall einen Tag zuvor und falschem Verhalten meinerseits (ich nahm ihn in den Arm – was früher nie was ausmachte), in die Lippe biss.
    „Korrigieren“ geht auch anders – das lernte ich danach! Ich benötige weder Wasserflasche, noch Leinenruck, weder Strom noch Stachel – es reicht, ein Alternativverhalten aufzubauen. In unserem Fall: „Schau mich einmal an!“ Und ein Umfassen der Brust, damit er nicht nach vor geht, wenn ein Lieblingsfeind auftaucht. (dabei ist auch ein Streicheln hilfreich)
    Ich kann nur sagen – es wirkt! Und das gesamte Verhalten? Mein Hund orientiert sich immer öfter an mir, er wird ruhiger, kein Stress mehr – und er wird braver! Ganz ohne aversive Mittel oder Bestrafung!
    Ja, zum „Hundanknurren“….. wir sind keine Hunde – und alle Hunde wissen das. Ich knurre höchstens, wenn ich mit Aaron spiele, da knurre ich mit. Aber sonst? Nina, stell dir einmal vor, du sitzt in der U-Bahn oder im Bus, willst deinen Hund in einer Situation korrigieren und fängst zu knurren an…..toll, nicht?
    Zum Kevin-Sandkastenbeispiel…. das, was hier so rüberkommt – was wäre DEINE Alternative? Kevin schlägt also mit der Schaufel nach Jaqueline… Würdest du Kevin dann rempeln? Mit Wasser bespritzen? Damit er mit dem Schlagen aufhört? Anknurren oder anschreien? Oder würdest du seine Hände nehmen…“Kevin, hör auf!“ – und Jaqueline bitten, den Kübel wieder herzugeben? Denn das wäre der Kübel von Kevin?
    Da kommt gar keine Strafe vor… nur Handlung. Souveräne Handlung von einem Lebewesen – und ich mein, das erwartet auch der Hund! Dass weder „geruckt“, noch „gestromt“, noch nassgespritzt, gescheppert – was auch immer! wird.
    Aaron hat noch immer mit manchen Hunden Probleme. Leider ist er hinsichtlich seiner innerartlichen Kommunikation ein Legastheniker. Hat Probleme beim Lesen anderer Hunde und kommuniziert auch selbst öfter mal verkehrt.
    Darauf hat mich aber erst eine Trainerin aufmerksam gemacht – solch eine, die du unter „Wattebauschfraktion“ einreihen würdest. Seit jener Trainerin schaut die Welt anders aus. Nämlich positiv – hinsichtlich Vertrauen vom Aaron in mich. Und auch ich habe enorm viel an Sicherheit gewonnen – und an Erkenntnis.

    Hunde brauchen Grenzen – keine Frage! Ein „Nein“ ist oftmals notwendig. Sämtliche aversive (und hier fällt auch ein auf den Hund geworfener Schlüssel darunter, oder ein Anrempeln, ein Hintreten (siehe einen bestimmten Trainer aus Amerika) Methoden zeigen nur eines… das Unvermögen, Alternativen zu suchen und zu finden.

  6. Nina, bitte noch ein Nachtrag…
    ich habe soeben deinen wirklich hervorragenden Artikel über Soziales Lernen gelesen! Ja, das ist es!

    Zum Verhalten des Menschen… bitte, wie soll der Vorbild sein, wenn er sich selbst „aggressiv“ verhält? Genau hier denke ich an Schepperdosen, Wasserpistolen, Kicken (Millan), Leinenrucke, Alphawürfe….

    Wenn ich Vorbild sein will (und ich bin überzeugt, so, wie es in deinem Artikel zum Sozialen Lernen steht, kann der Mensch recht wohl Vorbild sein – Stichwort Spiegelneurone) – dann muss ich mich doch so verhalten!
    Das ist für mich „moderne Hundeerziehung“! Keine reine Konditionierung, sondern Soziales Lernen, indem der Mensch Handlungen setzt, die eine Art von „Vorbild“ sind.

    Danke übrigens für den Artikel über das Soziale Lernen!

  7. Und gerade aus den aufgeführten Gründen gibt es immer mehr Problemhunde und immer weniger Fachkundige, die sich derer annehmen können. Absolute, bedingungslose Gewaltfreiheit nimmt dem treuesten Begleiter des Menschen die Existenzberechtigung innerhalb unserer Gesellschaft…wir stecken bereits mittendrin…

    Ein außergewöhnlich fach- und sachkundiger Artikel!!!

  8. Hallo Nina,

    schöner Artikel und sehr angenehm zu lesen durch die unterhaltsamen Vergleiche.

    Ich finde es immer sehr anspruchsvoll sich über diese Thematik zu unterhalten, denn sich selbst unmissverständlich auszudrücken ist nicht einfach.

    Von mir bekommst du absolute Zustimmung und ich werde deinen Artikel mit Sicherheit empfehlen, er ist es definitiv Wert, denn er baut wichtige Brücken in die verschiedenen Lager.

    Beste Grüsse,
    Sven Daneke
    ReHab Hundetrainer

    P.S.: Auch sehr schön dass eine Frau das kognitive Verhaltensmuster von Frauen in diesem Zusammenhang erläutert ;) … Männer dürfen sich das Verständnis darüber ja nicht anmaßen :)

  9. Hallo Nina,
    ich bin ein neuer Hundehalter. Mein Hund geht in eine Schule, in der „Wattebäuschchen werfen“ gelehrt wird. Eine an sich tolle Methode. Aber das hat seine Grenzen, wie Du richtig beschrieben hast. Der Hund hört mittlerweile in Haus und Garten, sowie an der Schleppleine wirklich gut. Aber ohne Leine „aus die Maus“. Das letzte mal haben wir knapp 3 Stunden gebraucht den Hund wieder einzufangen.
    Konsequenz, der Hund bleibt grundsätzlich angeleint. Der Artikel spricht mir wirklich aus der Seele. Ich möchte meinen Hund gewaltlos erziehen ( wie es mir gelehrt wurde), aber ich denke mittlerweile, es ist wirklich nicht schlimm auch mal, wie du geschrieben hast, „auf die Kacke zu hauen“, zumal die Hunde unter sich das ebenso tun. Das bedeutet nicht, dass ich meinen Hund prügele, aber einen Ruck an der Leine oder auch mal laut werden oder ein „NEIN“ versteht er auch ganz gut.
    Danke, Danke, Danke.

    Beste Grüße

    Uli

  10. Hi, DANKE. Gerade, was den wissenschaftlichen Teil betrifft: endlich jemand, der verstanden hat, was das bedeutet. Prof. Gansloßer hat erheblich zum Verstehen von Erziehung, aber auch zu ach so gewaltfreien Eingriffen wie Kastration beigetragen, imho.
    Insgesamt, und ich bin nicht nur Hundehalterin und Mutter, sondern auch noch Biologin ;), ist es mir wichtig, dass Menschen eines beherzigen: Aggression ist ein normaler Anteil im Verhalten bei Sozialen Lebewesen – es gehört dazu! Nur, weil in unserer Gesellschaft Aggression mit schierer Lust an Gewalt gleichgesetzt wird, stimmt es noch lange nicht. Da wird selbst Kindern jede Form der Aggression als Bösartigkeit ausgelegt, die sie brauchen würden, um ein normales – also nicht psychogen oder pathologisch auffälliges – Verhalten zu ENTWICKELN. Denn das wird gern vergessen – Lernen ist ein „sich probieren“, sich refektieren und dann entweder einschleifen oder verändern. Das sind Prozesse, die wir bei jedem Lernvorgang haben. Dazu kommen die Dispositionen, die ebenfalls eine Entwicklung durchlaufen – oft bis zum Lebensende. Unser Hund soll aber bitteschön mit zwei Jahren fix und fertig erzogen sein? Auch das widerspricht jeglicher Vernunft ;)
    Daher, danke für den tollen Artikel!
    LG Petra

  11. Hallo Nina,
    deinen Artikel habe ich schon x-mal weitergegeben. Treffender hätte das Thema Hundeerziehung nicht beschrieben werden können. Ich danke dir.
    V G Nicola

  12. Hallo Nina
    So wie in deinem Artikel beschrieben habe ich meine drei Hunde auch erzogen. Sie sind ganz Unterschied von Rasse und Wesen. Und sind super erzogen. Ich bin wie du der Meinung das die richtige Mischung das richtige ist. Aber jeder Hund ist anders.
    Ein sehr guter Artikel. Ich möchte sehr gerne noch mehr von dir Lesen.
    Viele Grüße
    Axel

  13. als ich den Artikel gelesen habe wusste ich schon bevor ich die Kommentare gelesen habe das es zig Leute gibt die das nicht verstehen und so drehen wie sie es gerne hätten aber hier mal was zu auflockern für alle die positive Stärkung Beführworten und ein zupfen an der leine als schmerz für das Tier empfinden

    Ein Anruf…..
    …bei der Hundepsychologin
    – Gruber, schönen guten Tag Frau Müller.
    Tach Herr Gruber. Na, wie macht sich Ihr Balthasar? Kommen Sie voran?
    – Deswegen rufe ich an. Balthasar hat sich in meine Wade verbissen und schüttelt sie.
    Oh. Das ist ein Rückschritt. Aber wir wussten ja, dass das ein langer Weg werden kann.
    – Ja. Ich weiß. Aber was mach’ ich jetzt? Hölle, tut das weh!
    Herr Gruber. Sie müssen Ihre eigenen Befindlichkeiten ein wenig zurückstellen.
    Wie tief beißt Balthasar gerade zu? Mehr als die Hälfte eines halben Hundezahnes?
    – Moment. Ich schau’ mal….Ja! Und es blutet stark.
    Dann ist es schon Beißgrad 4. Okay.
    Das ist eindeutig aggressiv.
    Haben Sie schon versucht, Balthazar mit Gewalt wegzuzerren, oder ihn zu schlagen?
    – Selbstverständlich nicht!
    Gott sei Dank! Sehr gut. Negative Eindrücke bleiben beim Hund stärker haften, als Positive.
    Das sollten wir auf jeden Fall vermeiden.
    – Auuuuua! Aaaaaah!
    Herr Gruber. Bitte!
    Natürlich darf Ihr Hund spüren, dass Ihnen das nicht gefällt. Aber achten Sie bitte darauf, ihn nicht zu verstören.
    Er kennt solche lauten Töne von Ihnen doch gar nicht, und das könnte ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht bringen.
    – Ja, ja. Schon okay.
    Wie weit ist das “Aus” schon gefestigt, Herr Gruber?
    – Eigentlich gar nicht – boooaaah, tut das weh! – der Schlingel macht nur “Aus”, wenn er dafür sein Lieblingsleckerlie bekommt, und selbst dann nicht immer.
    Okay, dann scheidet das aus. Wir geben Kommandos nur, wenn wir Sie auch durchsetzen können. Nicht wahr, Herr Gruber?
    – Ja, klar.
    Dann müssen wir ausnahmsweise einmal eine etwas gröbere Methode anwenden, Herr Gruber.
    Sagen Sie “Nein!”. Energisch, aber nicht böse oder drohend. Nur so laut, dass er verblüfft ist.
    Balthazar ist ein ängstlicher Hund. Wir wollen den kleinen Racker ja nicht traumatisieren.
    – Nein, nein. Natürlich nicht! In Ordnung, ich probier’s.
    – Balti, Nein!
    Was macht Balthasar?
    – Er schüttelt.
    – Ingeboooorg! Würdest Du bitte mal mein Blut vom Boden aufwischen? Balthipupsi bekommt ja ganz nasse Pfoten!
    Herr Gruber. Ich denke, da hilft dann nur noch Ignorieren.
    Vermeiden Sie jeden Blickkontakt, sprechen Sie nicht mit ihm, berühren ihn nicht und unterlassen alles, was sein Verhalten belohnen könnte.
    – Ich kann sowieso kaum noch was sehen und das Sprechen fällt mir schwer. Ich werd’ auch sehr müde. Durch den Blutverlust wahrscheinlich.
    Aha. Verstehe. Also dann bitten Sie doch Ihre Frau, dass Sie mit dem Klicker und einem Leckerlie bereitsteht.
    Sobald er das Interesse verloren hat und losläßt bitte sofort mit Klicker und einem Leckerlie positiv verstärken.
    Dabei ist das Timing sehr wichtig, aber das wissen Sie ja.
    – Herr Gruber?….Herr Gruber?
    – Hier ist Frau Gruber. Mein Mann ist gerade ohnmächtig geworden. Aber ich habe alles mitgehört und hab’ Klicker und Leckerlie schon in der Hand!
    Klasse, Frau Gruber! Das wird schon. Sie sind auf dem richtigen Weg.

  14. Meine Lieblingsstelle:
    Fakt ist jedoch, dass Hunde es verstehen wenn wir sie anknurren, anstarren, uns groß machen oder mit dem Körper blocken. Hunde verhundlichen ihren Menschen permanent. Umso wichtiger ist es dabei, sich so zu verhalten, dass man auch als Mensch eindeutig genug ist, um vom Hund verstanden zu werden. Warum ich das nicht einsetzen darf, ist mir völlig schleierhaft.

    Nennenswert finde ich auch das die achso aversiv-Arbeitenden sich durchaus in der Lage sehen zu zugeben, wenn man etwas mit den neuen Erkenntnisse der Positivlern kombinieren oder neu gestalten kann.
    Was man andersrum leider nie, oder auch nur ansatzweise von der „anderen Fraktion“ zu hören bekommt.

    Umso erschreckender ist es, wenn man mit bekommt, welche Hetztiraden der „Positivlern“ übers Netz und auf diversen Veranstaltungen hinterrücks, man so mit bekommt.
    UND was ich zu letzt erlebt hab, zeigt mir doch, wenn auch noch sehr unterdrückt, das diese Gut-Menschen eben auch nur Menschen mit Emotionen sind. Denn ich habe vor ein paar Wochen auch eine Trainerin „erwischt“, wie sie doch tatsächlich laut und entnervt „NEIN“ zu ihrem Hund sagte, weil sie sich ständig in der langen Leine verfing und der Hund sie ständig aufgeregt hin und her zog, weil er mal hier und mal dort buddeln wollte…um Stress ab zu bauen. Ich konnte ihr sehr gut anmerken das sie sich über das entfleuschte NEIN mir gegenüber unwohl fühlte, weil wir uns kurz zuvor nämlich in einem Streitgespräch gerade über dieses Thema aus liessen.
    TJA-erleichternd und auch etwas amüsiert über „Hey, sie ist ja doch:auch nur ein Mensch“, brach ich den Lehrgang, den eine Kollegin führte dann ab und fuhr nach Hause.

    Ich bin der Meinung das man sehr viel mehr für die Hunde erreichen würde, wenn man nicht ständig die anders-arbeitenden so diffamieren würde.

    Denn so ein Satz wie „Herr schmeiß Hirn vom Himmel!“ ist definitiv nicht positiv belegt und gerade für die meisten Menschen höchst emotional belegt-wenn man gemeint wird mit diesem Satz.

    Hirn ist nicht gleich Intelligenz…es sollte auch eine Bereitschaft zum lernen da sein und das kann man sicher nur emotionsmäßig steuern. Kommt man dann so herablassend an, dann ist diese Bereitschaft sofort zu Nichte gemacht und es findet kein Austausch mehr statt.
    Und das auf Kosten der eigenen propagierten Lernmethode.

    Schade eigentlich

  15. Vielen Dank für diesen schönen Artikel!!!
    Ich bin eine 0/8/15 Hundehalterin und begegne mit meinem nicht ganz so verträglichem Rüden ( er hat schlechte Erfahrungen gemacht in der Welpenzeit, weil ich nicht genug aufgepasst habe) oft die „der tut nix“- Hunde. Das ist des öfteren anstrengend, mangels Verständnisses füreinander. Ich wünsche mir dann so oft, dass diese Hunde mal Grenzen bekommen würden, was natürlich nicht passiert. Gleichzeitig werde ich kritisiert, weil ich meinem Hund die Grenzen zeige und „es ja klar ist, so bestimmend wie sie sind ist es ja logisch, dass ihr Hund aggressiv ist“ zu hören bekomme, von einem Herrn, dessen großer Hund mich anspringt, die Nase nur auf dem Boden hat, Pferde Jagd und auch sonst nicht ansprechbar war…. Ich meide schon sämtliche Orte zum Gassigehen, damit ich mich mit den „Wattebäuschchenwerfern“ nicht mehr auseinandersetzen muss. :-(

  16. Dieser Artikel spiegelt zu 100% meine Meinung und ich beglückwünsche die Autorin zu dieser vorzüglichen Argumentation!
    BRAVO!

  17. Bravo!!!
    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich stimme voll und ganz zu. Mein Hund hätte schon lange die „Hosen an“ wenn ich ihn nur mit Leckerlies vollgestopft und mit Wattebäuschchen beworfen hätte. Im Hunderudel geht es auch nicht immer nur lieb und nett zu.

  18. Das spricht mir aus der Seele.
    Ich lebe jetzt seit fast sechs Jahren mit einem ehemaligen Straßenhund – davon 5 Jahre glücklich zusammen.
    Ich hatte davor zwar auch schon Erfahrung mit Hunden, allerdings nur als kurzfristige Pflegestelle.
    Diesmal wollte ich alles richtig machen und habe mich Hals über Kopf in Foren und Ratschläge von Trainern und anderen Hundebesitzern gestürzt.
    Mein Hund hatte damals Angst vor Menschen und sowieso vor allem in der Stadt was sich bewegte und/oder Geräusche machte.
    Also habe ich ein Trainingsprogramm erarbeitet.
    …das ging fürchterlich daneben…
    Dann hatte ich das Glück eines der wenigen Bloch-Seminare zu besuchen. Was ich mitgenommen habe: Stell dich nicht so dusselig an, das ist ein Hund! Hör auf dein Bauchgefühl.
    Das hat glücklicherweise wie eine kalte Dusche gewirkt, die mich wieder zu mir selbst gebracht hat.
    Jetzt habe ich ein tiefes, vertrauensvolles Verhältnis zu meiner „coolen Sau“ (so nennen die Nachbarn meinen Hund ;) )Die angstfrei und selbstbewusst noch über den überfülltesten Marktplatz schlendert, anderen Hunden freundlich begegnet – es sei denn, diese sind aggressiv. Dann bekommen sie eine Ansage – und das ist ok für mich. Ich fühle mich gut, sie fühlt sich gut und die Welt ist in Ordnung.
    Wir sind nicht „fertig“, werden es nie sein, den sowohl mein als auch ihr Leben ist ein Prozess. Uns werden immer neue Situationen begegnen – und das ist auch gut so.
    Wichtig ist nur, das wir unverbrüchlich zusammen gehören und das sie weiß, das sie sich auf mich verlassen kann wenn so was komisches passiert wie ein Straßenreinigungsfahrzeug das auf dem „sicheren“ Bürgersteig fährt. ;)
    Ich glaube Cesar Millan hat gesagt, das man nicht den Hund bekommt den man will, sondern den, den man braucht…und das ist wohl so, zumindest was mich betrifft. Ich war bereit für dieses und jenes Training – nur hat meine mir quasi den geistigen Stinkefinger gezeigt.
    Warum auch nicht? Mit dem Training habe ich ja versucht, sie auf das Niveau eines Zoo-Seehundes zu verbannen…
    Jetzt sind wir WIR, mit allen Konsequenzen und Herausforderungen – und das ist nicht nur gut, es fühlt sich endlich richtig an.
    Darum mein Aufruf an alle Hundehalter: Training ist gut, aber degradiert euren Hund bitte nicht!

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